Dr. Arthur Schnitzler |27. 4. 906
lieber, Sie haben natürlich ganz recht. Unmöglich konnten Sie sich
Brahm gegenüber als ungebetener Rathgeber
aufspielen, und als ich mein Telegramm an Sie absandte,
hatt ich begreiflicherweise nicht an irgend einen adhoc-Besuch od dergl bei Brahm gedacht, sondern an etwas beiläufigeres, ohne mir über das »wie« weitere Gedanken zu machen.
(Damit dss Brahm auf Ihr Urtheil nichts geben
könnte, sind Sie sehr im Irrtum.) – Nun hab ich die Sache indess auf andre, directe
Weise zu ordnen gesucht. |(Dies vollkommen unter
uns.) Nach Ihrem Brief, in dem Sie mir Ihr Gespräch mit R. erzählten u einen Brief Jacobsohns, der auch
telephonisch eine Art Bereitwilligkeit R.s
erfahren haben wollte, telegr ich an Brahm, ob
er mir überlassen wolle Rittner zur Übernahme zu bewegen. Er konnte nichts dagegen haben, warnte mich für alle
Fälle, wusch seine Hände in Unschuld etc. Ich telegr. nun
an Rittner, der mir in einem sehr liebenswürdigen Telegramm
nein sagte. Ich hatte es natürlich nicht anders erwartet – die Gegengründe lagen für
Rittner zu nah, als dass er nicht von ihnen
hätte |Gebrauch machen sollen. Aber ich
wollte mir keine Vorwürfe zu machen haben – und da mir Rittner strengste Discretion zugesagt hat, hoffe ich dass nicht am End noch eine für
die Wiener Aufführg (auf die ich schließlich doch
nicht verzichten möchte) gefährliche Coulissenklatscherei heraus kommt. Sonderbar ist, dass vor 2 Jahren, nach Rittners Versagen (aus Unlust) an der Rolle
alle, auch Brahm und ich dachten, Reicher wäre der richtige Darsteller für die
Rolle. Nach der erschütternden Charakteristik, die Sie von seiner Auffassung geben,
kann ich mir nun wohl vorstellen, was mir |bevorsteht. Übrigens gibt es meiner Empfindg
nach nur einen Darsteller für den Julian: Wischnevski. Sie haben ihn ja als Onkel Wanja gesehen. Und Stanislawski als Sala wär auch nicht übel. Wir haben diese beiden, auch Ljuschin (Professor in Wanja), Leonidow, Frau Tschechow bei Rotenstern’s kennengelernt; auch im Theater hinter den Coulissen ein paar mal gesprochen. Es hat mich sehr gefreut, dass ihnen
viel daran zu liegen schien, ein Stück von mir für ihr Theater zu bekommen. Jedenfalls gibt es keins, an dem ich lieber
aufgeführt werden möchte. Sieht man solche |um alles dramatische unbekümmerte Gestalten- und
Lebensstücke wie den Onkel Wanja, so ist einem, als braucht man sich nur hinzusetzen, um ein viertel Dutzend im
Jahr zu schreiben. Und doch. . . Allerdings fiele man auch
durch. –
Tennis spielen wir schon ziemlich regelmäßig – d. h. meistens ich, Dr Kaufmann, Frl Erl, Olga seltener. Zuweilen geh ich im Pötzleinsdorferwalde spaziren. Es ist schon beinah sommerlich, um mindestens vierzehn
Tage weiter vor, als voriges Jahr. Neulich war Fred bei uns, der sich im Lauf der Jahre höchst vorteilhaft verändert hat. (Dieser |Tage wird er (wahrscheinlich von meinem Bruder) an Gallensteinen
operirt.) –
Über Ihre Sommerpläne möcht ich recht bald näheres
wissen. Meine Karte, Frau v Lützow betreffend, haben Sie wohl erhalten? Neulich war hier das Gerücht verbreitet,
dass Sie auf ein paar Tage nach Wien kämen. Wie steht die Processangelegenheit? Ich stelle mir Ludassy verdammt wenig dazu gelaunt vor. –
Neulich, mit dem reparirten Rad (alles mögliche, 55 Kronen!) erster
Versuch, in Neuwaldegg brach die Axe. Trotzdem
bleibt die Sehnsucht nach den gemeinschaftlichen Partien bestehen. Haben Sie sich
nicht die Sache wegen Daenemark |überlegt? –
Ich arbeite (am Roman)
ziemlich regelmäßig aber ohne die nöthige Intensität. Mir thut es so leid, dass ich
Sie in der B. Z. beinah niemals finde. Was
machen Sie sonst? Ich nehme an, dass Sie mit administrativen und organisatorischen
Arbeiten überhäuft sind. –
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