Leider sehe ich mich genöthigt, mich in einer Angelegenheit an Sie zu wenden, mit der
Sie gewiss nicht gerne belästigt werden. Aber, da ich Sie, lieber Herr, stets hochgeschätzt und geachtet habe, so will ich mich auch Ihnen ganz offenbaren.
Sie können ermessen, wie sehr es mich kränkten musste, dass Sie mir vorgestern im Griensteidl, nachdem wir uns 4 Wochen nicht gesehen
hatten, mit sichtlicher Kälte und – ich möchte sagen – »ceremonieller« Höflichkeit
begegneten.
Und weil es mir nun ganz enorm furchtbar und riesig daran liegt, dass Sie, liebster Herr Dr.
Schnitzler, von mir gut denken oder so denken, wie
über mich zu denken ist, so will ich Ihnen, damit Sie sich nicht durch nichtige
Redereien bestimmen lassen, mir böse zu sein und mich quasi für einen »Aussätzigen«
anzusehen, folgende Thatsachen mittheilen:
Meine in No 8 des »Magazin« enthaltene »Dörmann – Specht«-Recension ist in dieser Form
bereits vor Monaten entstanden. Herr Richard
Specht sandte mir im November od.
December, (ich weiß nicht genau, wann) seine Gedichte. Ich schrieb sofort (nach 2–3 Tagen) eine Kritik, diese Kritik (mit Dörmann zusammen besprach ich ihn;
F. D. »Sensationen« sandte mir gerade vorher L.
Weiß zur Recension). Dörmann kannte ich damals noch nicht; den lernte ich erst später durch Vermittelung Dr. Beer-Hofmann’s persönlich kennen.
Die Kritik gab ich dem »Tagblatt«. Alexander Landesberg behielt sie volle 2 Monate
bei sich, ohne sich zu entscheiden. Endlich gieng ich hin. Er erklärte, dieser Sache
keinen so breiten Raum gewähren zu können. Er suchte sie heraus, fand sie nach langem
Suchen und gab sie mir – |Nun schickte ich
die Arbeit (Dieselbe!! In dieser
Form!!) – auf’s Geratewohl – an’s »Magazin«. Nach 8 Tagen schrieb mir Paul
Schettler für die Redaction: »Ihre
Besprechung der beiden Wien er ›Neurotiker‹
acceptiert das ›Magazin‹ mit Vergnügen.«
Als ich nach Berlin kam, machte man mich auf die
bereits erschienene Kritik
aufmerksam. Ich war dem Tgbl. vom Herzen dankbar,
dass es die Kritik retournierte. Denn durch diese Kritik, die Otto Neumann-Hofer und die andern Herren (auch Baron Liliencron) außerordentlich lobten, schuf ich mir feste Position im »Magazin«. Die Sache wurde sofort honoriert und
weitere Artikel (über Wien er Litteratur,
»Decadence« etc) – sozusagen – »bestellt«.
Ich glaube, es sind schon 4 Monate her, dass mir Herr Specht sein Büchlein schickte, circa 4 Monate also seit Abfassung des vor 2–3 Wochen
erschienenen Artikels !!
Deshalb ist entstanden lange, lange, bevor ich Herrn Specht den wirklich mit Müh und Not beschafften
»Sündentraum«beleg schickte und da zu jenen ominösen, aber durch und durch freundlichen Brief schrieb, der den
harmlosen Witz (»Dör-mannbar«
enthielt) sie ist entstanden, lange bevor ich Herrn
Dörmann persönlich kennen lernte, so dass
also weder von einem persönlichen Gefühle |Herrn Specht gegenüber noch von einer
»Beeinflussung durch Dörmann« die Rede sein
kann!
Das beschwöre ich !
Die Kritik (ganz in der jetzigen Gestalt!!) ist – vor Monaten –
aus einer ehrlichen, vollsten, ureigensten Überzeugung heraus entstanden. Nichts
liegt mir ferner als Unehrlichkeit, als »Rachegefühl« und jüdisches
Tagsschreiberthum. Man hüte sich, mich in dieser niederträchtigen Weise zu
verleumden!!
Ich hasse und hasste diese falsche, erlogene »Decadence«, die artig mit sich selbst
coquettiert; ich bekämpfe und werde immer bekämpfen: die posierte, krankhafte,
onanierte Poesie! |Und dieser Hass war das Kritikmotiv!
Sie werden vielleicht, verehrter Herr Dr., sich denken: Aha, wer sich so vertheidigt, muss sich wohl verteidigen!? Nein, seien Sie versichert, die ganze Litanei hab ich auch nur Ihnen1 hergesagt, weil mir an Ihrer Meinung viel liegt. Den andern gegenüber hab’ ich es
Gottsseidank nicht nöthig, mich zu vertheidigen!
Wenn ich Sie belästigt habe, verzeihen Sie.
Otto Erich Hartleben grüßt Sie durch mich.
Für »Neue litt. Bl« (Bremen) wäre ich mit Anatol zu spät gekommen, da das dort in Einläufe verzeichnete Buch bereits an einen andern Mitarbeiter zur Recension abgegeben wurde.
Sonst stehe ich Ihnen mit aufrichtigem Vergnügen stets zu Diensten u bin (Sie noch
um paar Zeilen bittend!) Ihr Sie vollkommen hochachtender
Herzlichst grüssend
Karl Kraus
Karl Kraus
- 1 Auch dem verehrten Herrn Dr. B-Hofmann hätte ich’s gesagt!
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