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Überlieferung

Versand  Empfang
Versand: 19. 3. 1893
Kraus, Karl
Wien
Empfang: [19. 3. 1893 – 23. 3. 1893?]
Schnitzler, Arthur
Wien
Textzeuge 1
Signatur GB, Cambridge, University Library, Schnitzler, B 55
Typ Brief
Beschreibung 1 Blatt, 4 Seiten, 4.247 Zeichen
Handschrift schwarze Tinte, deutsche Kurrentschrift
Veröffentlichung 1
Karl Kraus und Arthur Schnitzler. Eine Dokumentation. Herausgegeben von Reinhard Urbach In: Literatur und Kritik, Bd. 49, Oktober 1970, S. 516–517.

Textqualität

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Zitieren

Empfohlene Zitierweise
Karl Kraus an Arthur Schnitzler, 19. 3. 1893. In: Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren. Digitale Edition. Herausgegeben von Martin Anton Müller mit Gerd Hermann Susen, Laura Untner und Selma Jahnke, https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00191.html (Abfrage 18. 6. 2026)
Kurz-Identifier

Für gekürzte Zitate reicht die Angabe der Briefnummer aus, die eindeutig und persistent ist: »L00191«.

Wikipedia-Vorlage
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Quelldaten

Die Quelldaten (TEI-XML) dieser Edition sind über Zenodo dauerhaft archiviert und zitierbar: DOI 10.5281/zenodo.20309129

Chronik

Sonntag, 19. 3. 1893

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Wiener Schnitzler
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Weiteres

Karl Kraus an Arthur Schnitzler, 19. 3. 1893

|Karl Kraus Wien, am 19. 3. 1893

Sehr verehrter Herr Doctor!

Leider sehe ich mich genöthigt, mich in einer Angelegenheit an Sie zu wenden, mit der Sie gewiss nicht gerne belästigt werden. Aber, da ich Sie, lieber Herr, stets hochgeschätzt und geachtet habe, so will ich mich auch Ihnen ganz offenbaren. Sie können ermessen, wie sehr es mich kränkten musste, dass Sie mir vorgestern im Griensteidl, nachdem wir uns 4 Wochen nicht gesehen hatten, mit sichtlicher Kälte und – ich möchte sagen – »ceremonieller« Höflichkeit begegneten.
Und weil es mir nun ganz enorm furchtbar und riesig daran liegt, dass Sie, liebster Herr Dr.  Schnitzler, von mir gut denken oder so denken, wie über mich zu denken ist, so will ich Ihnen, damit Sie  sich nicht durch nichtige Redereien bestimmen lassen, mir böse zu sein und mich quasi für einen »Aussätzigen« anzusehen, folgende Thatsachen mittheilen:
Meine in No 8 des »Magazin« enthaltene »DörmannSpecht«-Recension ist in dieser Form bereits vor Monaten entstanden. Herr Richard Specht  sandte mir im November od. December, (ich weiß nicht genau, wann) seine Gedichte. Ich schrieb sofort (nach 2–3 Tagen) eine Kritik, diese Kritik (mit Dörmann zusammen besprach ich ihn; F. D. »Sensationen« sandte mir gerade vorher L. Weiß zur Recension). Dörmann kannte ich damals noch nicht; den lernte ich ersspäter durch Vermittelung Dr. Beer-Hofmann’s persönlich kennen.
Die Kritik gab ich dem »Tagblatt«. Alexander Landesberg behielt sie volle 2 Monate bei sich, ohne sich zu entscheiden. Endlich gieng ich hin. Er erklärte, dieser Sache keinen so breiten Raum gewähren zu können. Er suchte sie heraus, fand sie nach langem Suchen und gab sie mir – |Nun schickte ich die Arbeit (Dieselbe!! In dieser Form!!) – auf’s Geratewohl – an’s »Magazin«. Nach 8 Tagen schrieb mir Paul Schettler für die Redaction: »Ihre Besprechung der beiden Wien er ›Neurotiker‹ acceptiert das ›Magazin‹ mit Vergnügen.«
Als ich nach Berlin kam, machte man mich auf die bereits erschienene Kritik aufmerksam. Ich war dem Tgbl. vom Herzen dankbar, dass es die Kritik  retournierte. Denn durch diese Kritik, die Otto Neumann-Hofer und die andern Herren (auch Baron Liliencron) außerordentlich lobten, schuf ich mir feste Position im »Magazin«. Die Sache wurde sofort honoriert und weitere Artikel (über Wien er Litteratur, »Decadence« etc) – sozusagen – »bestellt«.
Ich glaube, es sind schon 4 Monate her, dass mir Herr Specht  sein Büchlein  schickte, circa  4 Monate alsseit Abfassung des vor 2–3 Wochen erschienenen Artikels !! Deshalb ist entstanden  lange, lange, bevor ich Herrn Specht den wirklich mit Müh und Not beschafften »Sündentraum«beleg schickte und da zu jenen ominösen, aber durch und durch freundlichen Brief schrieb, der den harmlosen Witz (»Dör-mannbar« enthielt) sie ist entstanden, lange bevor ich Herrn Dörmann persönlich kennen lernte, so dass also weder von einem persönlichen Gefühle |Herrn Specht gegenüber noch von einer »Beeinflussung durch Dörmann« die Rede sein kann!
Das beschwöre ich !
Alexander Landesberg, Alexander Engel, Anton Lindner etc etc andere Freunde sind Zeugen!!
Die Kritik (ganz in der jetzigen Gestalt!!) ist – vor Monaten – aus einer ehrlichen, vollsten, ureigensten Überzeugung heraus entstanden. Nichts liegt mir ferner als Unehrlichkeit, als »Rachegefühl« und jüdisches Tagsschreiberthum. Man hüte sich, mich in dieser niederträchtigen Weise zu verleumden!!
Ich hasse und hasste diese falsche, erlogene »Decadence«, die artig mit sich selbst coquettiert; ich bekämpfe und werde immer bekämpfen: die posierte, krankhafte, onanierte Poesie! |Und dieser Hass war das Kritikmotiv!
Sie werden vielleicht, verehrter Herr Dr.sich denken: Aha, wer sich so vertheidigt, muss  sich wohl verteidigen!? Nein, seien Sie versichert, die ganze Litanei hab ich auch nur Ihnen1 hergesagt, weil mir an Ihrer Meinung viel liegt. Den andern gegenüber hab’ ich es Gottsseidank nicht nöthig, mich zu vertheidigen!
Wenn ich Sie belästigt habe, verzeihen Sie.
Otto Erich Hartleben grüßt Sie durch mich.
Für »Neue litt. Bl« (Bremen) wäre ich mit Anatol zu spät gekommen, da das dort in Einläufe verzeichnete Buch bereits an einen andern Mitarbeiter zur Recension abgegeben wurde.
Sonsstehe ich Ihnen mit aufrichtigem Vergnügen stets zu Diensten u bin (Sie noch um paar Zeilen bittend!) Ihr Sie vollkommen hochachtender
Herzlichst grüssend
Karl Kraus
  1. 1 Auch dem verehrten Herrn Dr. B-Hofmann hätte ich’s gesagt!
Bildrechte © University Library, Cambridge