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Überlieferung

Versand  Empfang
Versand: 20. 11. 1916
Adam, Robert
Wien
Empfang: [20. 11. 1916 – 24. 11. 1916?]
Schnitzler, Arthur
Wien
Textzeuge 1
Signatur D, Marbach am Neckar, Deutsches Literaturarchiv, A:Schnitzler, HS.NZ85.1.4230,15
Typ Brief
Beschreibung 2 Blätter, 7 Seiten, 5.285 Zeichen
Handschrift schwarze Tinte, deutsche Kurrentschrift
Zufügungen
Schnitzler 1) auf der ersten Seite des ersten Blattes beschriftet: »Adam« und: »Meidl Hptst 58
2) auf der ersten Seite des zweiten Blattes nummeriert: »5«
Textzeuge 2
Signatur A, Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod.ser. 52.263, 180–181 recto
Typ Brief
Beschreibung Maschinenschriftliche Abschrift, 1 Blatt, 1 Seite, 5.285 Zeichen
Herstellung Schreibmaschine

Textqualität

Diese Abschrift wurde noch nicht ausreichend mit dem Original abgeglichen. Sie sollte derzeit nicht – oder nur durch eigenen Abgleich mit dem Faksimile, falls vorliegend – als Zitatvorlage dienen.

Zitieren

Empfohlene Zitierweise
Robert Adam an Arthur Schnitzler, 20. 11. 1916. In: Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren. Digitale Edition. Herausgegeben von Martin Anton Müller mit Gerd Hermann Susen, Laura Untner und Selma Jahnke, https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L02246.html (Abfrage 18. 6. 2026)
Kurz-Identifier

Für gekürzte Zitate reicht die Angabe der Briefnummer aus, die eindeutig und persistent ist: »L02246«.

Wikipedia-Vorlage
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Quelldaten

Die Quelldaten (TEI-XML) dieser Edition sind über Zenodo dauerhaft archiviert und zitierbar: DOI 10.5281/zenodo.20309129

Chronik

Montag, 20. 11. 1916

Aufenthaltsorte
Tagebuch
Briefe mit Autorinnen und Autoren
Wiener Schnitzler
Traumtagebuch

Traum vom 20. November 1916

Quelle: Arthur Schnitzler: Träume. Das Traumtagebuch 1875–1931. Herausgegeben von Peter Michael Braunwarth und Leo A. Lensing. Göttingen: Wallstein 2012 (Bibliothek Janowitz, Bd. 20)

Kalliope Verbundkatalog
Weiteres

Robert Adam an Arthur Schnitzler, 20. 11. 1916

|Wien, am 20. November 1916

Hochverehrter Herr Doktor!

Wäre mir Ihre Karte nicht zugekommen (für die ich Ihnen bestens danke), so hätte ich es mir kaum herausgenommen, vor Vollendung eines neuen Opus Ihnen zu schreiben: und wie es mit meiner schriftstellerischen Tätigkeit jetzt beschaffen ist, hätten Sie vielleicht früher die zehn Memoirenbände hinter sich gebracht als ich mich hätte melden dürfen. Ich bin nicht gewillt, unausgesetzt zu lamentieren (wenigstens nicht außerhalb des engsten Familienkreises), aber es kostet mich schwere Mühe, mit Klagen hauszuhalten: Amt, Kriegs|not, Mangel an Zeit und Ruhe, Klavierspiel zu Häupten und unter mir, Kindergeschrei, ungeheure Zersplitterung und Bewußtsein unheilbaren Dilettantismus, Husten und Schnupfen, Verdruß und Überdruß – und endlich auch das Böseste: manchmal etwas Neid. Wieviel muß da jedesmal beiseite gedrückt und zerstampft werden, bevor eine ruhige Komödienseite geschrieben werden kann!
Trotz alledem habe ich eben den ersten Akt einer neuen Komödie, oder eher einer »Phantasie« im ersten Anlauf fast ganz umrissen; nicht der Märchenkomödie, von der ich Ihnen das letztemal erzählte (da ich fühlte, sie würde viel zu bitter, zu gallig, zu trist ausfallen, schob ich sie entschlossen in die Lade) sondern einer sonderbaren Ehstandstragödie, deren Stoff sich plötzlich bildete, als ich Kemmerichs »Profezeiungen« las. Ob sie andren als mir genießbar sein wird, weiß ich nicht; mir liegt sie – trotz des ba|rocken Stoffs – am Herzen, weil sie viel aufzunehmen vermag, was in den letzten Jahren um mich und in mir Peinliches vorging.
Ich habe den Versuch unternommen, dieses Stück in Alexandrinern zu schreiben, nicht in den jambischen Trimetern mit Mittelzäsur, die in der deutschen Literatur als Alexandriner gelten, sondern in einer dem französischen Alexandriner nachgeahmten Versform. Das Stück spielt im alten Frankreich, und so war mir etwas daran gelegen, auch die französische Versart zu verwenden. Aber ach! Zwei Szenen waren fertig, mit Mühe fertiggestellt, und ich begann, zu zweifeln und zu zagen. Es ist nämlich nicht leicht, im deutschen, sofern es sich um längere Arbeiten handelt, unjambisch zu schreiben, der Rythmus schlägt immer wieder in den Jambentakt um. Die Zäsur macht – mir wenigstens – ungeheure Schwierigkeiten: es gibt so wenig mehrsilbige deutsche Worte, die auf der letzten Silbe betont |sind und die Abtötung unnötiger Vokalauslaute, die in den romanischen Sprachen der Wortbildung so ungemein entgegenkommt, ist uns Sünde und Greuel. So kam es, daß ich nach den ersten zwei Szenen, mutlos geworden, den Alexandriner verabschiedete und im Knittelvers oder gar in Blankversen weiterschrieb. Nunmehr aber tut es mir wieder leid: wäre ich sicher, daß sich die auf den Alexandriner verwandte Mühe lohnte (ich schätze sie auf das zehnfache jener, die mich der Knittelvers kosten würde), das heißt: daß der deutsche Alexandriner nicht nur mir »klänge« und daß er nicht etwa gar als abwechslungslos = leiermäßig empfunden würde, dann möchte ich neuerdings, ohne die Arbeit zu scheuen, Alexandriner zu schmieden beginnen (es isschon harte Schmiedearbeit).
Und so rücke ich mit der Frage und Bitte heraus, ob Sie, hochverehrter Herr Doktor, wenn anders Sie demnächst einmal überflüssige Zeit haben, mir |in dieser prosodischen Zweifelsfrage einen Ratschlag erteilen möchten. Ich würde, wenn Sie hiezu bereit wären, Ihnen eine Probe der Alexandrinerszenen entweder zusenden oder vorlegen, wie es Ihnen lieber wäre. (Es handelt sich um jetzt noch ganz unfertige Konzepte, an die Sie, was den Inhalt anbetrifft, am besten gar keinen Maßstab anlegen dürften: sonst müßte ich mich genieren). –
Ihre freundliche Erkundigung nach meinem körperlichen Befinden kann ich – von den vorhin erwähnten Verkühlungserscheinungen abgesehen – damit beantworten, daß ich die tiefere Gegenden berührende Katarrhperiode für abgeschlossen halten darf; dicker bin ich allerdings noch nicht geworden und ich glaube auch nicht, daß mein Gewicht, solang das Fettkartenregime andauert, |sich steigern wird.
Ich habe in den letzten Tagen den Jean Christophe beendet und freue mich, daß Romain Rolland den Nobelpreis erhalten hat. Welch ungeheures Unternehmen, die Kulturentwicklung der letzten dreißig Jahre und alle künstlerischen und sozialen Hauptprobleme, die während dieser Zeit aufgerollt und übertaucht wurden, im Rahmen eines Wilhelm Meister-Romans darzustellen und zugleich das innerste Wesen der hauptbeteiligten Kulturvölker, ihre Haupttypen, Männer und Weiber, ohne je zu dozieren und ennuyant zu werden, mit Gründlichkeit und und psychologischer Feinheit zu schildern. Wunderbar, daß es kein Deutscher war, der solchen Plan faßte und ausführte; denn der Plan hat deutschen Charakter, mag auch die Durchführung – was ich zu bedauern |der Letzte wäre – nicht deutsch = gründlich sein. Interessant ist das Werk auch als erste große Frucht der Einwirkung Nietzschescher Ideen auf ein nichtdeutsches Genie; und ich bin gewiß, daß den Verächter alles Nurdeutschen über diese Erfüllung seiner Peter Gast-Träume, hätte er den Jean Christophe erlebt, in helle Begeisterung geraten wäre. –
Aber ich schließe, um Sie nicht zu ermüden (obwohl ich über den Jean Christophe noch lange fortschwärmen könnte).
Mit den herzlichsten Grüßen Ihr ergebener
Robert Adam
    Bildrechte © Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar