(Gazette de Francfort). Paris, 6. Februar.
Fondateur M. L.
Sonnemann.
Journal politique, financier,
commercial et littéraire.
Paraissant trois fois par jour.
Bureau à Paris:
Mein lieber Freund,
Ich hätte Dir Deinen Brief gern umgehend beantwortet, hatte aber gerade ausnahmsweis
viel zu thun und komme nun erst heut zur Antwort.
Was Du mir da schreibst, aus einer Aufregung und Verstimmung heraus, die noch an
jedem Worte haften geblieben ist, hat mich recht sehr geschmerzt. Freilich nur in dem
Sinne, daß es mir unendlich leid thut, Dich inmitten all’ dieser Widerwärtigkeiten zu wissen. |Um das Endresultat machen sie mich nicht im Mindesten bekümmert. Ich sehe die Dinge von fern an, wie aus den Wolken. Da sehe ich denn ein Schiff, das
unaufhaltsam dem Ziele zufährt. Die einzelnen Zickzacklinien des Kurses sehe ich
nicht. Ich sehe nur, daß es vorwärts geht, nicht zurück – daß es nicht zurückgehen
kann. Ein paar intriguante Weibsbilder sollen Dein Werk aufhalten, das mit der Kraft Deines Talentes dem Ziele zustrebt? Der Gedanke
macht mich heiter, so unsinnig ist er. |Und ich
verliere meine Heiterkeit nur, wenn ich Deinen Brief wieder vornehme und Deine
Verstimmung herauslese, die ich Dir gern erspart wüßte. Aber schön! Du kämpfst. Wer
kämpft nicht? Und vergleiche Dein glückliches Loos, für ein hohes Ziel kämpfen zu
dürfen, mit dem Anderer, mit dem meinen zum Beispiel, der ich mit Widerwärtigkeiten
und tausend Verhängissen ringen muß, nicht um hinaufzugelangen, wie Du, sondern um
nicht tiefer zu fallen, als ich schon stehe.
|Hab’ Geduld, mein lieber Freund! Sei ruhig und laß’
die Dinge gehen, wie sie gehen. Das Entscheidende ist bereits geschehen: Du hast ein schönes Stück
geschrieben. Alles Übrige ist vollständig gleichgiltig. Laß’ Dich also nicht erregen. Blick’ weit hinaus in die Zukunft, laß’ Dich vom
Tage nicht unterkriegen und vertrau’ auf Dich, wie ich auf Dich vertraue.
Das ist freilich Alles recht vag und allgemein. Ich wünschte, ich wüßte Näheres oder könnte gar bei Dir sein, um |die Dinge im Einzelnen mit durchzuleben. Du sollst
aber jedenfalls nicht glauben, daß Du mir schreiben mußt. Ich verstehe es, daß Du
wenig Stimmung zu Briefen findest, und warte schon meine Zeit ab. Nur möchte ich
wissen, wann ungefähr die Aufführung sein wird; und wenn sie dann ist, möchte ich mir am nächsten Morgen eine Depesche über das Resultat
erbitten.
Ist Bahr nicht mit |unter denen, gegen die Du zu
kämpfen hast? Die Kritik über »Sterben« in der »Zeit« war ebenso dumm als beschmockt.
Ich sandte Dir dieser Tage ein paar französische Zeitungsartikel. Du findest darunter vielleicht Manches, das Dich zerstreut.
Kann ich Dir sonst was aus Paris schicken? Das Gescheiteste wäre, Du ließest den ganzen Kram in Wien im Stich und kämest auf vierzehn Tage hierher. Das würde
Dir gut thun!
|Im Sommer werden wir uns kaum sehen können. Ich werde krank und kränker, und mein Schwager besteht darauf, daß ich während meines Urlaubs eine Kur gebrauche,
vielleicht in Toelz, im bairischen
Hochgebirge.
Grüß’ Dich Gott, mein lieber Freund, und sei guten Muths!
Dein
treuer
Paul Goldmann
treuer
Paul Goldmann
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