|Frankfurt, 12. März.
Mein lieber Freund,
Wenn Du Ende April nach Berlin
gehst, könntest Du da nicht auf der Hin- oder Rückreise über Frankfurt kommen? Der Umweg ist freilich groß; aber im Frühling
ist Frankfurt u. das Rheinland gar schön. Von der Freude, die Du mir machen
würdest, rede ich erst gar nicht.
Von den Kritiken über Deine Stücke hat mir die von Hirschfeld am
Besten gefallen. Auch scheint sie mir die richtigste zu sein. Er prägt ein
treffliches Wort »Anatolismus« und sagt mit Recht, für Dich sei es wichtig, aus diesem |herauszukommen. Ich sehe, daß Du große Anstrengungen
in dieser Richtung machst, und ich bin sicher, daß es Dir gelingen wird. Darum halte
ich den »Kakadu« für ein so wichtiges
Entwickelungs-Stadium; aber immerhin steht er noch, wie mir dünkt, mit einem Fuße im
Anatolismus. Daß es Dir auf Anderes dabei
angekommen, als auf eine Liebesgeschichte mit einem Theatermädel, ist klar. Aber das
Andere ist, meinem Gefühl nach, nicht stark genug herausgekommen. Dies der Eindruck,
den ich beim Lesen gehabt habe. Der Eindruck ist vielleicht falsch, und namentlich
auf der Bühne gestaltet sich die ganze Wirkung vielleicht ganz anders. Da ich aber
diesen Eindruck beim Lesen gehabt, war ich verpflichtet, ihn Dir mitzutheilen. »Erschöpfend |characterisiren«, wie Du meinst, habe ich Dein Werk damit nicht gewollt; und es erstaunt mich, daß ich Dich
erst noch besonders darauf hinweisen muß, eine in einem Briefwechsel zwischen zwei
Freunden flüchtig hingeworfene Bemerkung könne doch unmöglich die Prätention haben,
ein Werk »erschöpfend zu characterisiren«.
Daß ich Dir solange nicht schrieb, hatte seinen Grund in der Angewißheit der ganzen
Situation. Du kannst Dich gewiß nur schwer in die Qualen einer solchen Wartezeit
hineindenken. Heut will ich schreiben; aber nein, ich warte doch lieber bis auf
morgen, weil morgen doch endlich die entscheidende Antwort kommen wird. Und das geht so, einen Monat lang und darüber! Ich habe Dir
nicht geschrieben, weil ich |thatsächlich von Tag zu
Tage gezerrt wurde und schließlich so muthlos wurde, so dégouté de tout, daß ich mich selbst zu einem Briefe an Dich nicht mehr
aufzuraffen vermochte.
Die N. Fr. Pr. ist übrigens beleidigt und
entrüstet und sucht die Sachlage jetzt so zu drehen, als sei ich kontraktbrüchig geworden.
Ich lebe seit Wochen im Hotel, in einer geradezu verzweifelten Unordnung. So gerieth auch das
Manuskript des »Kakadu« an einen Platz, wo es
mir aus den Augen entschwand; und als ich es zu spät
wiederfand, hatte ich nicht mehr die Energie, Dir meine Schlamperei einzugestehen und
Dich um Entschuldigung zu bitten. Ich habe meine Nachlässigkeit seitdem oft bereut,
und die Art, wie Du sie in Deinem Briefe erwähnst, ist die gerechte Strafe dafür, die
ich nur als verdient hinnehmen kann.
Viele treue Grüße! Dein
Paul Goldmann
Paul Goldmann
Grüße an Deine Freundin!
|Ich danke den Deinen, namentlich
Deiner Frau Mutter, für
alle ihre liebenswürdigen Intentionen. Auch mir thut es unendlich leid, daß die
Wiener Projekte sich nicht realisirt haben.
Meine gesammte Familie grüßt Dich herzlichst.
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