|Frankfurt, 5. März.
Mein lieber Freund,
Ich komme aus Paris zurück und höre hier, daß Du mit Deinen drei Einaktern wieder einen großen und schönen Erfolg gehabt. Ich freue mich darüber von
Herzen und beglückwünsche Dich aufs Wärmste. Gelesen habe ich noch keine Kritik, aber
ich denke, ich finde die Wiener Blätter morgen hier im Büreau. Den »Grünen Kakadu« las ich noch auf der Reise von Wien nach
Frankfurt. Ein vortreffliches Stück. Da ich aber etwas ganz Vollendetes
erwartete, hat es mich doch auch ein wenig enttäuscht. Ich erhoffte Revolution und
Bastillensturm, fand aber zuletzt doch nur
wieder eine Liebesgeschichte mit einem Theatermädel. Anderseits ist es, glaube ich,
in der Ausführung eines Deiner besten Stücke und bedeutet doch auch einen gewaltigen Schritt nach vorwärts von Deinem alten Ton und Deinen alten
Stoffen zu irgend etwas Neuem, das sehr schön werden wird.
|Mein lieber Freund, ich komme also nicht nach Wien. Es war ein quälendes wochenlanges Ringen und
ein schwerer Entschluß. Wie alle Entschlüsse im Augenblick nachdem man sie gefaßt
hat, erscheint mir auch dieser jetzt recht tadelnswerth. Aber das war zu
erwarten.
Als ich von Wien nach Frankfurt kam und sich in Frankfurt die Wiener Eindrücke zu klären
begannen, schien es mir zunächst unmöglich, mich wieder in den Wiener Journalismus zu fügen, nachdem ich Jahre lang unter
größeren und freieren Verhältnissen gelebt. Und nachdem ich Jahre lang in der »Frankfurter Zeitung« gearbeitet, wo ich
ungehindert meine Ansichten entfalten konnte und eigentlich nur mein Gewissen um Rath
zu fragen brauchte, erschien es mir unmöglich, mich in die »Neue Freie Presse«
hineinzufinden mit ihrer Rücksichtennehmerei und Cliquen-Wirthschaft, welche verlangt, daß
man Dieses beschönigt und Jenes verschweigt und daß man Herzls durchgefallene Stücke als die |Meisterwerke eines genialen Schriftstellers dem Publicum anpreist. Mir grauste ferner vor dem Arbeitsgebiet, das mir
zugewiesen werden sollte, der ausländischen Politik, während doch mein ganzes
Bestreben dahin geht, möglichst aus der Politik heraus in die Literatur oder
wenigstens in den mit Literatur sich beschäftigenden Journalismus zu kommen. Und mir
grauste vor der Riesen-Arbeit, die man mir in Wien
aufbürden wollte, vor der Stellung des Redaktions-Culis, der alle Lasten
trägt, vor der rücksichtslosen Ausbeutung der Sklavenhalter in Wien (während die Sklavenhalter in Frankfurt doch ein wenig rücksichtsvoller ausbeuten). Es ist wahr, als Compensation für das Alles hatte
ich Euch in Wien. Gewiß, die schönste aller Compensationen. Aber die Hauptsache im Leben ist die Arbeit, die man thut. Davon geht alle
Sonne, alles Behagen aus. Und wenn man in seinen Wirkungskreis nicht hineinpaßt, so
ist das Dasein in seinem Wichtigsten verfehlt und man wird tiefunglücklich, trotz
allen Verkehrs |mit sehr lieben Menschen. Besser
eine Arbeit, die Einem wenigstens einigermaßen zusagt, und keine lieben Menschen,
als, wenn man schon einmal wählen muß, liebe Menschen und eine widerwärtige Arbeit.
Hier muß man Stoiker sein und darf seinem weichen Herzen nicht
nachgeben. Auch kommt dazu, daß Jeder von Euch jetzt sein eigenes Leben lebt
und daß ich von Keinem, selbst vom nächsten Freunde nicht, beanspruchen darf, er solle mir
mein Leben leben helfen. Während dieser Zeit wurde ich in Frankfurt sehr zum Bleiben gedrängt. Ich sah, daß man in der Redaktion mich achtete und schätzte, merkte auch, daß das
Publicum auf mich hielt. Und ich dachte mir, daß es eigentlich Wahnsinn wäre, zehn
Jahre Arbeit, die ich in das Blatt hier gesteckt, wegzuwerfen und nach
Wien zu gehen, wo kein Mensch mich kennt, wo
nicht einmal Ihr mehr etwas von meinen Leistungen wißt, wo ich von Anfang anfangen und mir Schritt für Schritt, unter Gott weiß
welchen Kämpfen, |eine Stellung erst schaffen müßte,
die ich hier bereits besitze. Zukunft endlich (wenn ich überhaupt Zukunft habe) gibt
es doch nur in Deutschland, nicht in Österreich. Dazu kam noch Allerlei, was die
Familie angeht.
Immerhin wollte ich mit der »Neuen Freien Presse«
nicht gleich abbrechen und spann die Sache weiter. Wir waren verblieben (die Chefredacteurs und ich), daß zur Besiegelung meines
Eintritts in die Redaktion
Vertragsbriefe ausgetauscht werden sollten. Ich sandte einen früheren Brief von Bacher, den dieser behufs Aufsetzung des Vertrages gewünscht hatte, an ihn zurück und
bat um Übersendung des Vertragsbriefes. Wenige Tage darauf starb Schiff, der Berliner Correspondent der N.
Fr. Pr.; ich bekam von der Redaktion ein Telegramm mit der Aufforderung, den Berliner Correspondenten der Frankfurter Zeitung als Nachfolger für Schiff zu engagiren. |Ich telegraphirte und schrieb zurück, das ginge aus diesem und jenem Grunde
nicht, bot mich aber zugleich als Nachfolger Schiffs in Berlin an. In der That wäre mir die Stellung in Berlin lieber gewesen, als die in Wien. Ich hätte von
Berlin aus über Theater und Kunst geschrieben
und wäre auch der Wiener Redaktions-Wirthschaft in
Berlin sehr entrückt gewesen. Meiner Ansicht nach hätte
die N. Fr. Pr. in mir einen recht geeigneten
Correspondenten für Berlin gehabt. Seit jenem
Augenblick nun (Ende Januar) habe ich von der N. Fr.
Pr. kein Wort mehr gehört. Mehr als vier Wochen vergingen, und ich bekam nicht nur keinen Bescheid über mein Anerbieten bezüglich des Berliner Postens, sondern auch nicht einmal den
Vertragsbrief, den die Leute mir sofort hätten schicken müssen. Ich wartete und
wartete (dies der Grund, weshalb ich Dir so lange nicht geschrieben), hielt es
natürlich für unter |meiner Würde zu drängen, und
nachdem bis zum Ende Februar immer noch weder Bescheid
noch Vertrag aus Wien eingetroffen waren,
unterzeichnete ich einen neuen Vertrag mit der Frankfurter Zeitung. Gestern aber habe ich
ein Telegramm von Bacher erhalten, der sehr erzürnt darüber ist, daß ich nicht am 1. März, wie mündlich
besprochen, in der Redaktion in
Wien angetreten bin! Ich habe ihm den
Sachverhalt auseinandergesetzt, und nach diesem Telegramm wird mir das Verhalten der
Leute noch räthselhafter als zuvor.
In Frankfurt trete ich in die Feuilleton-Redaktion ein, als Adlatus von Dr. Mamroth, und soll zu Reise-Missionen verwendet werden (im Herbst nach Rußland, im nächsten Frühjahr zur Pariser Weltausstellung, zu großen Premièren in Deutschland und zu ähnlichen Anlässen). So finde ich mich denn, nach so viel Wirrsal und Schwanken, auf einmal in der kleinen Stadt, einsam, ohne Freunde, unter lästigen Familien-|Verhältnissen. Fern von der großen Welt. Und mir ist, als sei eine Thür hinter mir ins Schloß gefallen.
Habe ich recht gehandelt oder falsch? Wird diese neue Existenz zu
ertragen sein? Ich weiß es nicht.
Bitte, zeig’ dem Richard diesen Brief (wenn es ihn interessirt). Sonst aber betrachte das Mitgetheilte
als vertraulich; und wenn man Dich fragt, warum ich
nicht zur N. Fr. Pr. gekommen bin, so sage, daß die Verhandlungen sich in die Länge gezogen haben und daß die Sache noch unentschieden ist. Ich möchte
mir nämlich, wenn es ginge, eine Hinterthür für die Zukunft
offen lassen.
Viele treue Grüße!
Dein
Paul Goldmann
Dein
Paul Goldmann
Grüße an Deine Freundin!
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