Es ist leider doch nicht gegangen. Ich muß hier bleiben und kann Dich heut Abend nur mit allen guten Wünschen begleiten. Wenn Du diesen Brief erhältst, bist
Du hoffentlich wieder um einen Erfolg reicher.
Beifolgenden Artikel, der
Deinen Freund Hoffmannsthal betrifft, finde ich heut in der |»Frankfurter
Zeitung«.
Viele treue Grüße!
Dein
Paul Goldmn.
Dein
Paul Goldmn.
Ein Vorkommniß, das in literarischen Kreisen von sich reden
macht, verdient um der Personen willen, die daran betheiligt sind, allgemeinere
Beachtung. Die dieswöchentliche Wiener »Zeit« enthält den Anfang einer Erzählung, die betitelt ist: »Erlebniß des Marschalls von Bassompierre« und als Verfasser nennt sich der hochstrebende
Wiener Poet Hugo v. Hofmannsthal. Diese Erzählung
behandelt nicht nur den nämlichen Vorfall, den in Goethe’s »Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten« Vetter Karl auf dem
»Gut am rechten Ufer des
Rheins« zum Besten gibt, sondern, obgleich sie weit ausführlicher und
zufolge ihres näheren Eingehens ins Einzelne blühender ist, als bei Goethe, der die Hauptvorgänge straff zusammenzufassen sich begnügt, kann es keinem
Zweifel unterliegen, daß Beide, der Alte wie der Junge, aus der gleichen Quellen geschöpft haben. Und Beide lehnen sich so deutlich an das französische Original an, daß ihre Schilderungen in ganzen Sätzen übereinstimmen, aber sich auch untereinander im Ton des Vortrags außerordentlich ähneln. Daß Goethe, in dessen Decamerone-Nachbildung das Abenteuer
des Marschalls eine rasch vorübergehende Episode, gewissermaßen nur ein
nebensächliches Illustrationsfaktum ist, von
Hofmannsthal nichts gewußt hat, darf man
dreist voraussetzen. Merkwürdig ist nur, daß diesem die Behandlung des Motivs durch Goethe unbekannt geblieben ist, denn wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätte er doch sicher auf die Arbeit seines großen Vorgängers verwiesen. Noch merkwürdiger
ist, daß sich Hofmannsthal als Verfasser dieser Geschichte bezeichnet, da, selbst wenn die allerliebsten
Stimmungsschilderungen der Erzählung sein Eigenthum sein sollten, eine Hindeutung auf das Originalwerk unter keinen
Umständen zu vermeiden war. Die Zeiten, wo man auf das
Titelblatt von Komödien und Prosaschriften einfach zu schreiben pflegte: »Nach dem Französischen von X. X.« sind vorüber, aber selbst damals benützte man die Phrase »Nach dem Französischen«, um, wenn man schon
den Autor nicht nennen wollte, wenigstens zuzugestehen, daß es sich um keine
Original-Arbeit handle. Da Hugo v.
Hofmannsthal nicht nöthig hat, bei fremden Autoren zu leihen, wäre eine
Aufklärung des Falles gewiß von Interesse.
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