|Frankfurt, 31. December.
Mein lieber Freund,
Ich danke Dir für Deine eingehende Erörterung meines Feuilletons, finde aber, daß
ich absolut Recht habe und würde selbst jetzt, wo ich weiß, daß Dir gewisse Bemerkungen unangebracht
erscheinen, diese Bemerkungen
nochmals mit ruhigem Gewissen niederschreiben. Ich habe die Kritik im hellen Zorn verfaßt, im Zorn
nicht nur gegen die Kritiklosigkeit der Hauptmann-Anhänger (unter denen sich unser Freund Kerr besonders hevorgethan hat), sondern namentlich gegen den Autor, der durch seine theils
urtheilsunfähige und unkünstlerische, theils auch verlogene Anhängerschaft |zum größten der modernen deutschen Dichter ausgerufen worden ist,
der diese Rolle als ihm gebührend widerspruchslos acceptirt hat und der nun Stück auf
Stück schreibt, (Versunkene Glocke, Fuhrmann
Henschel, Schluck und Jau, Michael Kramer), in dem er seine Mittelmäßigkeit, seine Flachheit immer deutlicher enthüllt. Der Mangel an innerem Werth ist nirgends
noch so klar hevorgetreten, als im »Michael
Kramer«. Ein Dichter darf ein Werk verfehlen, wenn er es als Dichter
verfehlt. Es kann auch im verunglückten Werk etwas
von Persönlichkeit stecken, das zum Respekt zwingt. |Wenn aber ein Werk deutlich zeigt, daß jede Persönlichkeit fehlt, – wenn es zeigt,
daß keine Weltanschauung vorhanden ist und daß der Versuch, eine solche auszudrücken,
zu prätentiösem Geschwätz führt, – wenn Alles
hohl, albern und unfähig ist, dann kann der Kritiker seine Ausdrücke nicht
erbarmungslos genug wählen. Das ist nicht ein
Irren eines Dichters, dem Großes gelungen ist, das ist das Zutagetreten einer
Mediokrität, der Zeitstimmung und allerlei andere Chancen die Möglichkeit gegeben
haben, hier und da etwas Hübsches zu schreiben und sich daraufhin als Dichter
aufzuspielen. Die »Weber« |sind ein schönes Stück (oder vielmehr waren
es seinerzeit; ob sie es heut noch sind, müßte
man erst sehen); »Hannele« kenne ich nicht auf der Bühne; der »Bibelpelz« ist ein hübscher Entwurf zu einem Lustspiel, den auszuführen die Kunft
gemangelt hat. Hauptmanns Stern ist im Sinken. Ich
freue mich dessen, weil dadurch eine der literarischen Lügen unserer Zeit zu Grunde
geht, und werde es bei nächster Gelegenheit wiederschreiben.
Viele treue Grüße und nochmals von Herzen alles Glück zum neuen Jahr! Dein
Paul Goldmann
Paul Goldmann
Übermorgen fahre ich wieder nach Berlin.
Bildrechte © Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar