Ihr Buch »Der Schleier der Beatrice« ist mir hierher nachgesendet worden und Ihre lieben
Wünsche auch. Sie haben mit Ihrem Geschenk ganz unabsichtlich eine so gute Zeit
getroffen; ich nehme das wie ein frohes Zeichen auf. Ich empfing es nichtmehr allein und
doppelt danke ich Ihnen deshalb dafür.
Ich habe das Drama zuerst
allein gelesen, ehe ich es meiner Frau vorlas. Dann haben wir viel darüber gesprochen, und sind in bestimmten letzten Punkten ganz einig gewesen.
Ich danke Ihnen gerade für dieses Geschenk; denn mir liegt »der Schleier der Beatrice« in der aufsteigenden Linie derjenigen Ihrer Werke, die ich am meisten liebe.
»Liebelei« und »Die Gefährtin« sind direkte Vorfahren dieses Buches – für mein Gefühl. – Wie in der Gefährtin die Gestalt einer Toten |mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit sich ausbaut und vollendet, bis der letzte Zweifel, der sie ungewiss macht in den
Umrissen, fällt — so flackert hier das Leben einer Sterbenden über den vielen Gestalten einer bewegten und
wilden Zeit. Wunderbar einfach ist das komplizierte Wesen der Beatrice gefasst und mit wirklich großer Gerechtigkeit stehen Sie über ihm und seinen
Wirren. So dass es scheint, als stünde man gar keinem Ausnahmsfall, im Gegentheil
einem täglichen (bislang unerkannten)Typus gegenüber; es
ist fast, als wäre nur für Misstrauische und Schwerfällige das fantastischeMilieu jener breiten Zeit nothwendig gewesen, und man
bedauert einen Augenblick fast, die Gestalt des bewegten Mädchen aus so vielen Gruppen auslösen zu
müssen. Aber das Bedauern geht vorüber: Beatrice prägt sich so stark aus, dass die ganze Zeit mit ihren Kriegen und Giften, Liedern und Schreien, hingerissen von ihr, sich so zu geberden scheint.
Ich möchte Ihnen noch viel sagen zu diesem Buche: z. B. auch dass »das Herzogin|seinwollen« Beatrice’s (schon in der ersten Erzählung des Traumes kommt das zum Ausdruck) – eigentlich
wie ein Künstlerwunsch wirkt, die Stimmung Herzogin
irgendwie zu schaffen. Ich weiß nicht, ob das klar genug gesagt ist. Es wäre das
Schicksal Nichtschöpferischer, die doch Schaffenstriebe tragen; sie müssen sie nothwendig
missverstehen und die ihnen vorschwebenden Gestalten im Leben durchsetzen wollen. . . .
Vielleicht sag ich das später einmal einfacher, deutlicher. Ich bin hier jetzt einer strengen Cur unterworfen, der Worte und des Ausdrucks
entwöhnt . . . und dies soll nur ein rascher Dank sein.
Meine Frau grüßt Sie sehr.
Übrigens: sie ist Bildhauerin. Hat heuer in München und Dresden ausgestellt. Vielleicht kommen Sie in die eine oder andere Stadt. Deshalb
erwähne ichs, da Sie sich vielleicht dafür interessieren.
Und vielleicht kommt es auch einmal zu einem Wiedersehen. Unser Bauernhaus ist in nächster Nachbarschaft
von Worpswede. Es verlohnt sich also, einmal zu uns zu kommen.
Mit viel lieben Grüßen in größter Ergebenheit
Ihr:
RainerMariaRilke
Ihr:
RainerMariaRilke
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