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Überlieferung

Versand  Empfang
Versand: [zwischen 5. und 16.? 5. 1901]
Rilke, Rainer Maria
Dresden
Empfang: Schnitzler, Arthur
Wien
Textzeuge 1
Signatur GB, Cambridge, University Library, Schnitzler, B 84
Typ Brief
Beschreibung 1 Blatt, 3 Seiten, 2.879 Zeichen
Handschrift schwarze Tinte, deutsche Kurrentschrift
Zufügungen
Schnitzler mit rotem Buntstift eine Unterstreichung
Veröffentlichung 1
Rainer Maria Rilke und Arthur Schnitzler. Ihr Briefwechsel. Mit Anmerkungen herausgegeben von Heinrich Schnitzler In: Wort und Wahrheit, Jg. 13, Nr. 4, April 1958, S. 282–298, hier S. 285–286.

Textqualität

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Zitieren

Empfohlene Zitierweise
Rainer Maria Rilke an Arthur Schnitzler, [zwischen 5. und 16.? 5. 1901]. In: Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren. Digitale Edition. Herausgegeben von Martin Anton Müller mit Gerd Hermann Susen, Laura Untner und Selma Jahnke, https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L04538.html (Abfrage 11. 9. 2026)
Kurz-Identifier

Für gekürzte Zitate reicht die Angabe der Briefnummer aus, die eindeutig und persistent ist: »L04538«.

Wikipedia-Vorlage
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Quelldaten

Die Quelldaten (TEI-XML) dieser Edition sind über Zenodo dauerhaft archiviert und zitierbar: DOI 10.5281/zenodo.20309129

Chronik

Sonntag, 5. 5. 1901

Aufenthaltsorte
Tagebuch
Wiener Schnitzler
Weiteres

Rainer Maria Rilke an Arthur Schnitzler, [zwischen 5. und 16.? 5. 1901]

Lieber und verehrter Doctor Schnitzler,

Ihr Buch »Der Schleier der Beatrice« ist mir hierher nachgesendet worden und Ihre lieben Wünsche auch. Sie haben mit Ihrem Geschenk ganz unabsichtlich eine so gute Zeit getroffen; ich nehme das wie ein frohes Zeichen auf. Ich empfing es nichtmehr allein und doppelt danke ich Ihnen deshalb dafür.
Ich habe das Drama zuerst allein gelesen, ehe ich es meiner Frau vorlas. Dann haben wir viel darüber gesprochen, und sind in bestimmten letzten Punkten ganz einig gewesen.
Ich danke Ihnen gerade für dieses Geschenk; denn mir liegt »der Schleier der Beatrice« in der aufsteigenden Linie derjenigen Ihrer Werke, die ich am meisten liebe. »Liebelei« und »Die Gefährtin« sind direkte Vorfahren dieses Buches – für mein Gefühl. – Wie in der Gefährtin die Gestalt einer Toten |mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit sich ausbaut und vollendet, bis der letzte Zweifel, der sie ungewiss macht in den Umrissen, fällt — so flackert hier das Leben einer Sterbenden über den vielen Gestalten einer bewegten und wilden Zeit. Wunderbar einfach ist das komplizierte Wesen der Beatrice gefasst und mit wirklich großer Gerechtigkeit stehen Sie über ihm und seinen Wirren. So dass es scheint, als stünde man gar keinem Ausnahmsfall, im Gegentheil einem täglichen (bislang unerkannten)Typus gegenüber; es ist fast, als wäre nur für Misstrauische und Schwerfällige das fantastischeMilieu jener breiten Zeit nothwendig gewesen, und man bedauert einen Augenblick fast, die Gestalt des bewegten Mädchen aus so vielen Gruppen auslösen zu müssen. Aber das Bedauern geht vorüber: Beatrice prägt sich sstark aus, dass die ganze Zeit mit ihren Kriegen und Giften, Liedern und Schreien, hingerissen von ihrsich so zu geberden scheint.
Ich möchte Ihnen noch viel sagen zu diesem Buche: z. B. auch dass »das Herzogin|seinwollen« Beatrice’s (schon in der ersten Erzählung des Traumes kommt das zum Ausdruck) – eigentlich wie ein Künstlerwunsch wirkt, die Stimmung Herzogin irgendwie zu schaffen. Ich weiß nicht, ob das klar genug gesagt ist. Es wäre das Schicksal Nichtschöpferischer, die doch Schaffenstriebe tragen; sie müssen sie nothwendig missverstehen und die ihnen vorschwebenden Gestalten im Leben durchsetzen wollen. . . . 
Vielleicht sag ich das später einmal einfacher, deutlicher. Ich bin hier jetzt einer strengen Cur unterworfen, der Worte und des Ausdrucks entwöhnt . . .  und dies soll nur ein rascher Dank sein.
Meine Frau grüßt Sie sehr.
Übrigens: sie ist Bildhauerin. Hat heuer in München und Dresden ausgestellt. Vielleicht kommen Sie in die eine oder andere Stadt. Deshalb erwähne ichs, da Sie sich vielleicht dafür interessieren.
Und vielleicht kommt es auch einmal zu einem Wiedersehen. Unser Bauernhaus ist in nächster Nachbarschaft von Worpswede. Es verlohnt sich also, einmal zu uns zu kommen.
Mit viel lieben Grüßen in größter Ergebenheit
Ihr:
RainerMariaRilke
    Bildrechte © University Library, Cambridge