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Überlieferung

Versand  Empfang
Versand: 24. 4. 1895
Marholm, Laura
Schliersee
Empfang: [25. 4. 1895 – 29. 4. 1895?]
Schnitzler, Arthur
Wien
Textzeuge 1
Signatur A, Wien, Theatermuseum, HS Schn 3/65/1
Typ Brief
Beschreibung 1 Blatt, 3 Seiten, 2.485 Zeichen
Handschrift schwarze Tinte, lateinische Kurrentschrift

Textqualität

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Zitieren

Empfohlene Zitierweise
Laura Marholm an Arthur Schnitzler, 24. 4. 1895. In: Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren. Digitale Edition. Herausgegeben von Martin Anton Müller mit Gerd Hermann Susen, Laura Untner und Selma Jahnke, https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00431.html (Abfrage 18. 6. 2026)
Kurz-Identifier

Für gekürzte Zitate reicht die Angabe der Briefnummer aus, die eindeutig und persistent ist: »L00431«.

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Quelldaten

Die Quelldaten (TEI-XML) dieser Edition sind über Zenodo dauerhaft archiviert und zitierbar: DOI 10.5281/zenodo.20309129

Chronik

Mittwoch, 24. 4. 1895

Aufenthaltsorte
Tagebuch
Briefe mit Autorinnen und Autoren
Wiener Schnitzler
Weiteres

Laura Marholm an Arthur Schnitzler, 24. 4. 1895

Schliersee, Oberbaiern,
24 April 95.

Sehr geehrter Herr Doctor.

Wie ich Ihren Brief aufmachte, las ich erst: »mein Vater ist schon zwei Tage lang todt« und erschrak, – Sie hätten um ein Haar einen Condolenzbrief bekommen; da las ich ihn noch einmal, weil mir soviel Gutes drin gesagt wurde, was ich im Einzelnen auf seine Richtigkeit durchgehen wollte, – das, was Sie über die Hauptlinie sagen, machte mir eine besondere Freude, denn das meine ich selbst ist im Guten und Üblem der Punkt auf dem meine Anlage fußt. Nur beim zweiten Lesen sehe ich, daß es 2 Jahre sind und mir wurde ganz flau. . .  sie haben mir so grundernsthaft geschrieben, Sie hätten auch ein bischen lachen können. Jetzt glaube ich, Sie thun es heimlich.
Natürlich bitte ich Sie, das häßliche Buch zu behalten, im Austausch von »Sterben« das ich von Ihnen erhielt. Ich schrieb Ihnen damals über das Buch nichts – – wenn ich Ihnen den Grund sage, werden Sie es verstehen. Ola las es und fand es sehr gut und fein.
Aber ich konnte es nicht leiden – aus einem ganz subjectiven Grund . . .  ich konnte mich damals keine Nacht zu Bett legen, ohne daß das kam, wovon das ganze Buch handelt. Sobald ich das Licht auslöschte und es ganz schwarz war, kam regelmäßig dies furchtbare Grauen vor dem Aufhören, nicht dem Sterben, aber dem Nichtmehrsein und nicht blos dem persönlichen Nichtmehrsein, sondern dem von meinen Liebsten, von dieser Weltkugel. . . .  Ich betrachtete es gar nicht als etwas Krankhaftes, nur als einen Ausschlag von Vitalitätsgefühl, aber in der tiefen Schlierseer Einsamkeit, die mein Mann liebt, war es bei mir, Tag und Nacht, immer, und steigerte sich jedesmal beim Einschlafen zu einem unsagbaren Angstgefühl. Darum mochte ich Ihr Buch nicht, das ganz auf dieser einen Note gespielt wird, es potenzierte mein Eigenes zu stark. . . . 
Jetzt ist es vorbei. Und an einem sehr schönen, duftenden, schwirrenden Tage will ich »Sterben« wieder lesen. Wenn ich fühle, daß ich es kann.
Sie sind der einzige von allen Jungen, von dem ich etwas ganz Besonderes erwarten könnte, – dagegen bin ich nicht sicher, daß es Sie dauernd interessiren wird zu schreiben. Produciren ist doch auch nur eine Art von Stimulanz-Genuß . . .  aber wieviele Stoffe können Naturen wie Sie stimuliren? Da Sie doch viel zu durchgebildet und von zu guter Herkunft sind als daß die äusserlichen Eitelkeits- und Erfolgsrücksichten viel für Sie bedeuten könnten.
Aber Ihr nächstes Buch schicken Sie mir wieder? nicht wahr?
Mit verbindlichem Gruß
Ihre ergebene
Laura Hansson-Marholm