Ihr Brief hat mir diesmal besonders wohlgethan. Auch mir ist der »Ruf des Lebens« werth, zum mindesten in seinen ersten zwei Akten; mit dem dritten habe ich
viel Mühe gehabt, und er ist doch lange nicht das geworden, was ich wollte. Die Macht
des »ersten Einfalls« ist zu gross; ich sehe ein, dass ich |mich in einem gewissen Augenblick von diesem
ersten Einfall hätte befreien müssen und die Sache so
dramatisch weiterführen, als ich sie begonnen. Es kam am Ende doch nicht darauf an zu sagen, dass man auch aus den furchtbarsten Schicksalen emportauchen kann, dass wir nur den Widerhall von Worten bringen
u.s.w. –; – aber in Dramen erledigt ein alberner Dolchstich |oder ein Fenstersprung im Wahnsinn alle Dinge viel
entscheidender als die tiefste und glatteste Weisheit. (Ich sage: tief und glatt;
eben die tiefste bleibt ja glatt, wenn wir nicht unsern
eignen Weg hin gegangen sind.) Aber was red ich da. Ich bin entfernt davon, Sie von
Ihrer Sympathie für mein Stück abbringen zu wollen. Ich kann sie besser brauchen als
je. Was Sie im Tag gelesen, war |gewiss nicht das unverständigste – und noch
gewisser nicht das böseste, was man mir diesmal nachgesagt. Da es im 2. Akt knallt
und da im 1. Akt vergiftet wird, hat man mich als Spekulanten bezeichnet, einen Kerl, der auf diese ordinär
theatralische Art durch Tantiemen ein reicher Mann werden möchte. (Eine Spekulation,
umso verächtlicher, als sie nicht geglückt ist, stand irgendwo zu |lesen.) Knallt es nicht – so heißen mich dieselben
Leute einen »Novellisten« u.s.w. In Rußland scheint das Stück sehr gefallen zu haben. – Mir ist
im phantastischen zuweilen sehr wohl, insbesondere wenn
ich aus der dünneren Atmosphäre des ausschließlich
psychologischen hinabgestiegen komme.
Ich hoffe sehr, Sie heuer noch zu sehn. Wenn alles gut geht, möcht ich nemlich im
Sommer mit Frau und Kind an die dänische |Küste. Dieser Sommer 96 bleibt für mich eine der mildesten, beruhigendsten Erinnerungen. So wohl wie
in jenen Buchenwäldern war mir selten zu Muthe. Nun hat sich ja vieles in meiner
Existenz gut und schön gestaltet, aber was ist alles in diesen zehn Jahren geschehn!
Sie sagen, dass meine Arbeiten eine so große Spannweite haben, weil ein Theil dem
Tod, der andere der Liebe gewidmet |sei. Kein
Wunder. In dieser Spannweite hat nicht mehr und nicht weniger Platz als das Leben.
Freilich ist mir sehr wohl bewußt, dass in dem, was ich bisher geschrieben, mehr von
der Sehnsucht nach dem Leben, von einer sehr tiefen Ahnung und wohl auch von einem
Begreifen des Lebens zu spüren ist, als vom Leben selbst. »Des Lebens Ruf . . . ach, seine Fülle nicht!« (Suchen Sie nicht etwa, wo der
Vers |steht, es ist ein geschwindeltes Citat.)
Leben Sie wohl und seien Sie herzlichst bedankt und gegrüßt
von Ihrem
ArthSchnitzler
von Ihrem
ArthSchnitzler
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