24. I. 09
Sehr geehrter Herr Doktor!
Ihr geschätztes Schreiben habe ich erhalten, und so angenehm es mir auch war, daß
Sie, sehr geehrter Herr Doktor, sich so schnell der Mühe unterzogen, mein armes Märchen zu lesen, die übrigen
Empfindungen, die mich nach der Lektüre Ihres werten Briefes beseelten, waren von
Freude weit entfernt. Wenig geneigt, mich mit dem »Manche freilich müssen unten sterben« zufrieden zu geben,
wähnte ich naiv, im äußersten Falle würden Sie, sehr geehrter Herr Doktor, mich nicht
direkt empfehlen, sondern durch Herrn v. Hofmannstal. Wenn dies nicht sein mag, ich nicht durch
übermäßige Inanspruchnahme belästige, auch nicht |sonstwie unwillentlich mir Ihre Ungnade
zugezogen habe, müßte ich, der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe, ein oder zwei
in ihrer Harmlosigkeit entwaffnende historische Novellen wieder aufnehmen, die
vielleicht für die Neue Freie Presse nicht ganz
ungeeignet sein dürften. Ich erkühne mich keineswegs, Ihnen, sehr geehrter Herr
Doktor, neuerdings die angreifende Lektüre irgend einer meiner Mittelmäßigkeiten
zumuten zu wollen, von denen ich übrigens letzthin loyalerweise die denkbar kleinste
Dosis übersandte. Bin ich auch leider lange nicht soweit, eine Befürwortung irgend
einer meiner Arbeiten um ihrer selbst willen erbitten zu können, hoffe ich dennoch
dereinst halbwegs Ersprießliches zu verfassen. Nicht meine Sachen, |sondern mich möchte ich gerne an eine
respektable hiesige Zeitung empfohlen sehen. Es ist gewiß bedauerlich, daß die
Menschen noch so vieler Umstände bedürfen und nicht bereits dabei angelangt sind,
Schriftstellern die Keime ihrer Werke aus den Gehirnen zu extrahieren und
Dichtmaschinen zur Ausbrütung zu übergeben. Bis dahin werden eben meinesgleichen
immer an den guten Glauben appellieren müssen und dies tue ich denn auch, nicht ohne
eine sanfte Betrübnis über mein säumiges Wachstum. – Herr Camill Hofmann, dem mich zu empfehlen Sie, sehr geehrter Herr
Doktor, die Güte hatten, äußerte sich ebenso liebenswürdig als unverdient anerkennend
über meine Arbeiten, lehnte sie gleichwohl ab, in einer |mir unbegreiflichen Rücksicht auf das
Publikum der »Zeit«, die er eigentümlicherweise
als Familienblatt bezeichnete. Der »Erdgeist«, an
den Herr Hofmann meine Skizzen weiterzugeben
die Freundlichkeit hatte, ließ es an mich kalt lassenden Lobeserhebungen nicht
fehlen, scheint aber ähnliche Bedenken zu tragen, Realeres für mich zu tun. – Indem
ich mir bewußt bin, Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor, niemals für all das, was Sie an
mir getan, danken zu können, möchte ich ersuchen, es nicht übel nehmen zu wollen, daß
ich, so schwer es mir auch fiel, noch einmal u. gewiß nicht ohne zwingende Gründe,
mit der Bitte um eine Empfehlung an Sie heranzutreten genötigt bin. Hochachtungsvoll
ergebenst Ihr Sie, sehr geehrter Herr Doktor, verehrender
Albert Ehrenstein.
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