6. Mai. 09.
Sehr geehrter Herr Doktor!
Wenn ich keinen Zwicker trage (und aus Eitelkeit trage ich meistens keinen), so bin
ich recht kurzsichtig; überdies und auch dann ist mein Personengedächtnis ein
ziemlich mangelhaftes und gestörtes, warum? Darüber möchte ich gerne etwas näheres
erfahren. Jedenfalls haben sich meine Augen schon manchen Ulk mit mir erlaubt, die
ärgerlichsten und gröbsten Verwechslungen sind mir zugestoßen. Die anfänglich
vorhanden gewesene Geneigtheit, jede Agnoszierung ohne weiteres für wichtig
anzusehen, ist infolgedessen einem so zweifelsüchtigen Mißtrauen gegen alle
Wahrnehmung gewichen, daß es mir nur sehr selten gelingt, einen Begegnenden richtig
zu identifizieren oder gar stets davon überzeigt zu sein. Wie ich glaube, ist mir ein
derartiges Malheur schon einmal Ihnen gegenüber, sehr geehrter Herr Doktor, passiert, in einer Tramway nach der Premiere
der Donnay’schen |Lysistrata. Ein anderesmal nach einer Vorlesung im Mariahilfer Arbeiterheim verschlug mir die Befangenheit jeden
Gruß. Ein gewisser kindlicher und doch dämonischer Trotz und Eigensinn verbietet es,
wenn man sich von der ersten Lähmung des Willens erholt hat, baldmöglichst den Fehler
gutzumachen. Nach dem Gesetz der Trägheit geht man den einmal genommenen Weg
verdrossen oder ratlos weiter, und bevor man sich von der Überrumplung durch die selbstverschuldeten Ereignisse freigemacht hat, sagt man sicher »Jetzt ist schon
alles gleichgültig.« Ich würde derartige Erlebnisse trotz ihrer Wiederkehr gewiß
nicht so tragisch nehmen, wenn ich nicht wüßte, wie sehr derartige
Unterlassungssünden dem Selbstvernichtungstriebe entsprechen, krankhaftes Benehmen
und davon Betroffenen nicht gerade das Leben erleichtert. Das schlechter werdende
Gehör trägt auch nicht dazu bei, |die Lage
angenehmer zu machen, versäumte Grüße summierten sich mit oft wider Willen
emporgefahrenen bissigen Antworten auf falsch verstandenen Bemerkungen, und entrißen
mir die wenigen Freunde. Es ist eben selbst der Teilnahmsvollste nicht immer in der
Stimmung, kurzsichtigen Unverstand von Hochmut, Eigentümlichkeit und Schrullen von
Überhebung zu sondern. Sollte Mittwoch, den 5. Mai um 9h früh meinerseits Ihnen gegenüber eine Kette
neuerlicher Verstöße oder Sinnestäuschungen vorgefallen sein, so wäre es mir sehr
lieb, wenn ich von allerhand quälenden Betrachtungen befreit würde. Fast scheint es so, als stellte ich die unmöglichsten Dinge bloß zu dem Zwecke an, auch nachträglich
entschuldigen zu können. Nie tat ich das Plausible, seit jeher schon war ich mir
ziemlich wehrlos ausgesetzt, und wenn es irgend anginge, zöge ich |wahrhaftig mit größtem Vergnügen aus mir
aus.
Hochachtungsvoll
Ihr ergebenster
Albert Ehrenstein.
Ihr ergebenster
Albert Ehrenstein.
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