Verehrter und lieber Freund
Graf Prozor, russischer Diplomat, vieljähriger
Uebersetzer Ibsens ins Französische – er hat zur
Frau eine schwedische
Gräfin und kennt unsere Sprachen – hat eine Tochter, die durch die Wirksamkeit des Vaters Ibsen-Enthusiastin und Ibsen-Darstellerin geworden ist.
Fräulein Prozor soll am 12ten in Wien Hedda spielen. Der Vater hat mich wiederholt gebeten, ihr die Bahn zu ebnen durch einen Artikel
in der N. fr. Presse. Ich antworte ihm 1) dass
ich in keinerlei Verbindung mit der N. fr. Presse
stehe 2) dass ich seine Tochter nie gesehen habe.
Er giebt nicht nach, fleht immer als alter Freund, ich möge jemand in Wien seinet|halber plagen.
Ich kenne Niemand, der mit Theatersachen irgendwie in Berührung steht, als Sie
allein.
Meine Bitte ist also: fordern Sie, lieber Freund und in Wien gewiss nicht ohnmächtiger Meister, irgend einen Journalisten auf, das
Frl. Prozor (in der Truppe von Suzanne Desprès) zu interviewen und für Sie ein wenig Stimmung zu machen.
Dies ma corvée.
Aber ich mag nicht dies langweilige Zeug abschicken ohne Ihnen aufs Neue zu sagen,
wie lieb ich Sie trotz der Entfernung und meines Alters habe, und wie gerne ich Sie
wiedersähe.
Ich habe in Italien, Frankreich und Dänemark in
diesem Frühjahr 3 Monate durch Venenentzündung verloren. Ich war jetzt in |Schottland, weil die Universität St. Andrews mich à l’occasion seines 500 jährigen Bestehens zum Ehrendoktor
ernannt hatte. So sah ich allerlei Malerisches in Schottland.
Ich weiss jedoch, dass mehr Geist in Wien als in
Edinburgh ist, und Sie sind mir der
eigentliche Vertreter dieses Geistes.
Ihr in alter Freundschaft ergebener
Georg Brandes
Georg Brandes
Ich habe leider Ihre Adresse vergessen, was den Brief verspäten wird
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