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Überlieferung

Versand  Empfang
Versand: 5. 1. 1922
Brandes, Georg
Empfang: [5. 1. 1922 – 9. 1. 1922?]
Schnitzler, Arthur
Wien
Textzeuge 1
Signatur GB, Cambridge, University Library, Schnitzler, B 17
Typ Brief
Beschreibung 1 Blatt, 4 Seiten, 2.833 Zeichen
Handschrift schwarze Tinte, lateinische Kurrentschrift
Zufügungen
Schnitzler mit rotem Buntstift vereinzelte Unterstreichungen
Ordnung mit Bleistift von unbekannter Hand nummeriert: »52«
Veröffentlichung 1
Georg Brandes, Arthur Schnitzler: Ein Briefwechsel. Herausgegeben von Kurt Bergel. Bern: Francke 1956, S. 132–133.

Textqualität

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Zitieren

Empfohlene Zitierweise
Georg Brandes an Arthur Schnitzler, 5. 1. 1922. In: Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren. Digitale Edition. Herausgegeben von Martin Anton Müller mit Gerd Hermann Susen, Laura Untner und Selma Jahnke, https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L02373.html (Abfrage 18. 6. 2026)
Kurz-Identifier

Für gekürzte Zitate reicht die Angabe der Briefnummer aus, die eindeutig und persistent ist: »L02373«.

Wikipedia-Vorlage
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Quelldaten

Die Quelldaten (TEI-XML) dieser Edition sind über Zenodo dauerhaft archiviert und zitierbar: DOI 10.5281/zenodo.20309129

Chronik

Donnerstag, 5. 1. 1922

Aufenthaltsorte
Tagebuch
Schnitzler/Bahr
Wiener Schnitzler
Kulturveranstaltungen
Kino

Schnitzler geht ins Kino, 5. Januar 1922

Quelle: »A. ist manchmal wie ein kleines Kind«. Clara Katharina Pollaczek und Arthur Schnitzler gehen ins Kino. Herausgegeben von Stephan Kurz und Michael Rohrwasser unter Mitarbeit von Daniel Schopper. Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag 2012.

Weiteres

Georg Brandes an Arthur Schnitzler, 5. 1. 1922

|Kopenhagen 5 Januar 22

Verehrter lieber Freund

Es war mir eine Freude, von Ihnen zu hören, eine noch grössere, dass Sie jenes schon alte Buch, das ich seit 1915 nie wieder angesehen habe, mit Befriedigung gelesen. Welcher Fluch für mich, eine Sprache zu schreiben, die Niemand versteht. Ich möchte Ihnen so gern die späteren Bücher, Voltaire, Cäsar, Michelangelo zugeschickt haben. Auch was ich in der letzten Zeit über Homer geschrieben.
Ich weiss nicht, ob Ihre Zeitungen davon gesprochen, dass (weil es am 3. November 50 Jahre her war, dass ich meine ersten Vorträge an der Kopenhagener Universität hielt) hier grosse Feier waren, Fackelzug der Studenten |und anderes. Es würde mich vor 40 Jahren sehr erfreut haben.
Am 15. Januar soll ich vor der Aufführung von Tartufe von der Bühne des Dagmar-Teaters über Molière reden. Am 19 wieder an die russischen Schauspieler französisch reden.
Dann verschwinde ich Ende dieses Monats für einige Zeit. Ich will mich wahrlich nicht zu meinem 80 Geburtstag Glück wünschen lassen. Die Lächerlichkeit wäre zu gross.
Ich las hier einmal im Herbst in einer Zeitung ein Interview eines mir unbekannten  dänischen Journalisten mit Ihnen, worin Sie sehr freundliche Worte über mich sagten, ich glaube die freundlichsten, die in jenem Blatte je über mich gestanden haben.
Ich bleibe Ihnen immer verpflichtet und |verbunden. Der Genuss, den ich durch das Lesen Ihrer Werke gehabt habe, ist hundert Mal grösser als das mögliche Vergnügen, das Sie durch meine nur belehrenden Bücher gehabt haben können.
Ich sah durch dies Interview, wie viel Unannehmlichkeiten Sie durch das alte, nur scherzhafte und witzige, Reigen gehabt haben. Der jetzt überall glühende Antisemitismus und die Tugendbolderei geben im Verein solche Resultate. Als ob die Menschen durch die Umstände dieser Zeit nicht genug litten, gehen sie mit zehnfachem Eifer darauf los, sich gegenseitig das Leben noch saurer zu machen.
Ich habe immer Wien in meinen Gedanken, immer mit Mitleid, Trauer und Dankbarkeit. Können Sie verstehen, das unser Freund Beer-Hofmann sich |mit solcher Leidenschaft an das Judenthum krampft. Es hat mich im Grunde nie interessiert; nur wenn die Juden verfolgt wurden, und wenn sie es werden, habe ich für sie heisses Mitgefühl, wie für alle ungerecht unterdrückten. Ich kenne nicht einen einzigen hebräischen Buchstaben. – Es scheint mir auch von ihm so gewollt.
Ich denke mir, Sie haben sich in den späteren Jahren mit Casanova beschäftigt, am meisten um sich nicht mit dem Gegenwärtigen herumzuschlagen. Wenn der Einzelne seine Ohnmacht fühlt, nützt es ja nichts mitzureden. Deshalb schweige ich selbst, wo ich viel zu sagen hätte. Ich habe nicht Frithiof Nansens praktische Begabung so wenig wie sein Ansehen. Er ist durch den Krieg sehr gewachsen.
Ich bitte Sie Ihrer Frau Gemahlin meine Huldigung, Ihren Kindern meine Sympathie zu überbringen.
Ihr Freund
Georg Brandes
    Bildrechte © University Library, Cambridge