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Überlieferung

Versand  Empfang
Versand: 29. 11. 1912
Rie, Therese
Wien
Empfang: [29. 11. 1912 – 3. 12. 1912?]
Schnitzler, Arthur
Wien
Textzeuge 1
Signatur D, Marbach am Neckar, Deutsches Literaturarchiv, A:Schnitzler, 85.1.4310
Typ Brief
Beschreibung 1 Blatt, 3 Seiten, 2.362 Zeichen
Handschrift blaue Tinte, lateinische Kurrentschrift
Zufügungen
Schnitzler 1) mit Bleistift beschriftet: »Andro«
2) mit rotem Buntstift mehrere Unterstreichungen

Textqualität

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Zitieren

Empfohlene Zitierweise
Therese Rie-Andro an Arthur Schnitzler, 29. 11. 1912. In: Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren. Digitale Edition. Herausgegeben von Martin Anton Müller mit Gerd Hermann Susen, Laura Untner und Selma Jahnke, https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L02570.html (Abfrage 18. 6. 2026)
Kurz-Identifier

Für gekürzte Zitate reicht die Angabe der Briefnummer aus, die eindeutig und persistent ist: »L02570«.

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Quelldaten

Die Quelldaten (TEI-XML) dieser Edition sind über Zenodo dauerhaft archiviert und zitierbar: DOI 10.5281/zenodo.20309129

Chronik

Freitag, 29. 11. 1912

Aufenthaltsorte
Tagebuch
Briefe mit Autorinnen und Autoren
Briefe mit Autorinnen und Autoren
Wiener Schnitzler
Gedruckte Briefwechsel

Arthur Schnitzler an Zinaida Vengerova, 29. 11. 1912

  • Vengerova, Zinaida

Quelle: Die Korrespondenz von Arthur Schnitzler mit Isabella Vengerova und Zinaida Vengerova. Herausgegeben von Konstantin Asadowski und Martin Anton Müller. In: Hofmannsthal-Jahrbuch zur europäischen Moderne, Bd. 30 (2022), S. 7–91.

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Weiteres

Therese Rie-Andro an Arthur Schnitzler, 29. 11. 1912

|Wien, d. 29. Nov. 12.

Sehr geehrter Herr,

Sie haben mir vor einigen Monaten einen Brief geschrieben, der mich sehr sehr erfreut hat; dennoch würde ich Ihnen gewiß nicht schreiben, wenn ich nicht unter einem ungeheuer starken künstlerischen Eindruck stünde: es ist der »Professor Bernhardi«, den ich (durch dessen Vorlesung) kennen lernte. Sie werden ja jetzt soviel Schönes drüber hören und lesen, daß ich es wol kaum wagen kann, Ihnen etwas zu sagen; ich versuch’s auch gar nicht erst. Aber diese in milder Heiterkeit sich lösende Tragödie des aufrechten Menschen, dieser wunderbar in Goethe’sche Stimmung ausklingende Schluß: »Selig wer sich vor der Welt ohne Haß verschließt« – |die gehen mir selbst in diesen trüben ahnungsschweren Kriegszeiten immer noch nach.
Aber noch anderes war es mir und mehr: die Erläuterung längst entschwundener Kindheitserlebnisse, das Emportauchen von damals kaum begriffenen und doch erfaßten Dingen. Mein Vater war Abteilungsvorstand an der Poliklinik, als Ihr Vater (den ich gekannt und geliebt habe) Direktor war. Oft ist er heiß und erregt nach Hause gekommen, hat vor mir, dem kleinen Kinde, auf das niemand achtete, gesprochen. Es war ein Kampf, den die rechtlichen Leute alle dort führten, vornehmlich gegen Einen führten, der, glaube ich, leider Vize-Direktor war. Ich weiß, daß Ihr Stück nicht an Geschehnisse anknüpft, aber an innere Erlebnisse, an Stimmungen, die damals in der Luft gelegen haben müßen und ich kann Ihnen nicht beschreiben, wie es mich durchschauert hat, als ich diese Atmosphäre emportauchen fühlte, in der mein Vater (er starb 1890, als ich noch ein Kind war) gelebt hat, mitgekämpft und mitgelitten hat. Obgleich er in Ihrem Stück  nicht »vorkommt« (um den banalen Ausdruck der Leute zu gebrauchen, die dem dichterischen Schaffen ganz ferne stehen) war es mir einen Augenblick, als wäre mir etwas von ihm, an dem ich mit meiner ganzen Kinderleidenschaft hing, zurückgekehrt: so sehr hat Ihr Stück das Schicksal des Arztes ins Typische erhöht, stilisiert. Und darum müßen Sie begreifen, wie sehr ergriffen ich von Ihrem Stück war, wie ich |es mit der ganz tiefen Dankbarkeit in mich aufgenommen habe, als sei mir ein unbekanntes Stück meines eigenen Lebens gedeutet worden. Und deshalb sind Sie mir, verehrter Herr Doctor, auch nicht böse, wenn ich – ungerufen, und still wieder gehend – komme, um Ihnen das zu sagen!
L. Andro.
    Bildrechte © Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar