|Frankfurter Zeitung Paris, 1. Mai.
Fondateur M. L. Sonnemann.
Journal politique, financier,
commercial et littéraire.
Paraissant trois fois par jour.
Bureaux à Paris:
Mein lieber Arthur,
Anbei erhälst Du den »Mercure de France«, wo Henri Albert gelegentlich wieder von Deinem Talente spricht
(S. 92). Was zahlst Du uns eigentlich für die Reklame?
Ich danke Dir herzlichst für die Übersendung der beiden Skizzen, komme erst Ende der Woche dazu, sie in Ruhe zu lesen, und
schreibe Dir dann sofort
darüber. Albert sehe ich morgen und werde Dir dann berichten,
wie es mit Deiner Übersetzung steht. Schicke ihm das Honorar, wenn Du kannst, gleich, an seine |Adresse, ohne weitere
Bemerkung. Ich besorge schon den nöthigen Commentar. Ich denke 10 bis 12 Gulden, wenn Dir
das nicht zu viel ist. Kannst Du jetzt nicht, so warte ruhig, bis Du von ihm etwas
Positives über den Ausgang der Arbeit erfährst. Ich veranlasse ihn jedenfalls,
demnächst an Dich zu schreiben. . . .
Bitte, dementire auf das Energischeste das Gerücht von meiner Candidatur auf Herzls Nachfolge. Es ist nicht ein wahres Wort daran, und wenn es
meiner Redaction zu Ohren
kommt, kann es nur meine jetzige Stellung gefährden. Daß Herzl weggeht |ist möglich. Aber niemals wird man
mich zur »Neuen Fr. Presse« nehmen. Zwischen dem
Blatte und meinem Onkel besteht, wie Du wohl
weißt, eine tödtliche Feindschaft. Und diese Leute mit ihren
Börsenjobber-Seelen hassen bis ins siebente Glied. Als Benedict vor einigen Monaten hier war, hat er es abgelehnt, daß ich ihm vorgestellt
werde! Dazu kommt, daß Herzl selbst keinen Finger rühren wird, um meine Candidatur zu stützen, eher das
Gegentheil. Ich habe ihn hier genau kennen gelernt. Er ist |eine seltsame Mischung von Künstler und jüdischem
Journalisten. Auf der einen, der Künstler-Seite, charmant, glänzend, sympathisch; auf
der andern Seite: kleinlich, eifersüchtig, geheimnißthuerisch, berechnend und größenwahnsinnig. Ich will ja nicht sagen,
daß er gegen meine Candidatur intriguiren würde – obwohl es mich nicht erstaunen
würde, wenn ers thäte – aber er wird sicher nicht das Mindeste thun, um mich, vor
dessen Nebenbuhlerschaft er sich fürchtet – der Dummkopf! – an seine Stelle zu bringen. Das Alles hindert
aber |nicht, daß er jetzt einen Einakter in Versen geschrieben, der ein Stück
köstlicher und großer Kunst ist. Zu Niemandem ein Wort von alledem, nicht wahr? Noch
eins: Dr. Schwitzer, früheres Mitglied der
volkswirthschaftlichen Redaction der N. Fr. Pr.,
ist plötzlich hier aufgetaucht
und ich glaube, c’est pour recueillir la succession.
Rudolf Lothar ist auf einer seiner literarischen Handlungsreisen auch hier eingetroffen. Er will alle |möglichen Leute interviewen, Pailleron und Verlaine, Kraut und Rüben durcheinander. Er hat sich an Henri Albert herangedrängt, um im »Mercure« genannt zu
werden etc. Ich habe einen grämlichen Haß gegen diesen Burschen, der im führenden Blatte Literaturmeinung macht
und dessen Stücke als die Blüthe des jungen Geistes auf allen Jahrmärkten angepriesen werden, während Du vorläufig nur von einer
Elite gekannt und gewürdigt bist. Ich finde, er hat Dir direct seine Celebrität
gestohlen. Und als ich diesen geschäftigen |Barbiergesellen neulich im
Theater traf, drehte ich ihm einfach den Rücken. Das war wohl excessiv, aber ich kann
nichts gegen mein Temperament.
Ein grünes einsames windstilles Land! Wie, wenn Du auch nach Hamburg kämest, wo ich wahrscheinlich meinen Uraub werde verbringen müssen. Und wann,
wann endlich werde ich Dich in Paris sehen? Komm doch
wenigstens auf 14 Tage! Wenn Du nicht so ein verwöhnter Prinz wärest, könntest Du sogar bei mir wohnen, aber ohne jeden Comfort.
|Tausend Dank auch für alles Liebe, das Du mir sonst sagst. Es ist immer Festtag bei mir, wenn ein Brief von Dir ankommt. Wie kann ich Dir
das Alles lohnen!!
Weißt Du, daß deine Schrift immer schlechter wird? Ich kann sie zur Noth noch
entziffern, weil ich die historische Entwickelung mitgemacht habe. Aber die Andern?
Dein zukünftiger Biograph? Der Sammler deiner nachgelassenen Schriften? . . . .
Dein treuer
Paul Goldm.
Paul Goldm.
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