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Überlieferung

Versand  Empfang
Versand: 8. 8. 1893
Goldmann, Paul
Paris
Empfang: [9. 8. 1893 – 13. 8. 1893?]
Schnitzler, Arthur
Wien
Textzeuge 1
Signatur D, Marbach am Neckar, Deutsches Literaturarchiv, A:Schnitzler, HS.NZ85.1.3163
Typ Brief
Beschreibung 2 Blätter, 8 Seiten, 5.049 Zeichen
Handschrift schwarze Tinte, deutsche Kurrentschrift
Zufügungen
Schnitzler mit rotem Buntstift zwei Unterstreichungen

Textqualität

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Zitieren

Empfohlene Zitierweise
Paul Goldmann an Arthur Schnitzler, 8. 8. 1893. In: Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren. Digitale Edition. Herausgegeben von Martin Anton Müller mit Gerd Hermann Susen, Laura Untner und Selma Jahnke, https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L02711.html (Abfrage 18. 6. 2026)
Kurz-Identifier

Für gekürzte Zitate reicht die Angabe der Briefnummer aus, die eindeutig und persistent ist: »L02711«.

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Quelldaten

Die Quelldaten (TEI-XML) dieser Edition sind über Zenodo dauerhaft archiviert und zitierbar: DOI 10.5281/zenodo.20309129

Chronik

Dienstag, 8. 8. 1893

Aufenthaltsorte
Tagebuch
Wiener Schnitzler
Weiteres

Paul Goldmann an Arthur Schnitzler, 8. 8. 1893

|Frankfurter Zeitung. Paris, 8. August.
Directeur M. L. Sonnemann.
Journal politique, financier,
commercial et litteraire.
Paraissant trois fois par jour
Bureaux à Paris:

Mein lieber Arthur!

Nicht ohne Bangen habe ich diesmal Deinen lieben Brief eröffnet. Ich war mir einer großen Schuld bewußt, und fürchtete Vorwürfe. Die bekam ich nun nicht direct – ich kenne Deine Güte und Nachsicht – wohl gibt es aber da ein Wort, das ich nicht verstehe. »Mißtrauen«. Wirklich, ich habe keine Ahnung, worauf Du damit anspielst, und befürchte irgend eine verleumderische Klatscherei. Mißtrauen? Aber wenn es irgend einen Menschen gibt, den ich mit ruhigem Herzen bis in den letzten Winkel meines Wesens hineinsehen ließe, so |bist Du es, und das weißt Du sehr wohl. Ich traue Dir ebenso wie mir selbst – nicht ideal, schwärmerisch, pensionsmädchenhaft, sondern auf Grund kühler Manneserfahrung, mit der ich Dich als den Besten und Treuesten erprobt habe. Was willst Du also mit dem kuriosen Wort? Es klingt wie eine falsche Note und zeigt mir, daß Zeit und Entfernung auch zwischen uns die übliche Arbeit gethan.
Ich habe mich mit Deinem letzten Briefe unendlich gefreut, wochenlang! Und doch habe ich Dir nicht geantwortet. Warum? Weil ich gelähmt bin – moralisch und geistig, weil diese grauenhafte Krankheit mein ganzes Sein in einen Nebel hüllt, weil ich am Leben und an der Zukunft verzweifle, weil mein Leben |in zwei Abschnitte zerfällt, die gesunde und die kranke Zeit, weil ich an die gesunde Zeit kein Anrecht mehr habe und weil Alles, was mir daher kommt, Alles Liebe und Hoffnungsreiche, mir als verloren erscheint. Mir kommt es vor, als hätte ich kein Recht mehr, mitzuleben. Darum konnt’ ich den alten Ton nicht finden, nicht einmal die Energie, eine Feder in die Hand zu nehmen, und darum habe ich Dir nicht geantwortet. Mir geht es gottsschlecht trotz aller Kuren. Das Übel greift um sich, und ich weiß nicht, was aus mir wird. Da klammere ich mich denn an die Arbeit und pflüge jeden Tag mein abgestecktes Stück Feld ab. Bin ich aber fertig, so kommen alle Gespenster |wieder. Sehr stark bin ich nie gewesen, nun bin ich weinerlich wie eine alte Frau, und kaum ein Abend vergeht ohne Thränen. Dabei glaubt man nun doch nicht und hat nicht einmal den Trost, daß Einem Gott das zur Prüfung geschickt hat. Man weiß nur, daß man ein schädliches Exemplar der Race geworden, dessen Mitthunwollen ein Verstoß gegen alle Gesetze der Hygiene ist. Dann kommt natürlich der gute Selbstmord. Aber es ist unmöglich, das Leben zu verlassen, das man jetzt erst zu verstehen beginnt, das so mannigfaltig und so farbig ist. So bleibt Einem nichts als Händeringen und Haarausraufen.
Ich habe bisher nicht einmal den Entschluß fassen können, auf Urlaub zu gehen. |Ich fürchte mich vor der arbeitslosen Zeit. Von Hause drängen sie mich aber. Mein Onkel ist im September in Salzburg, und ich soll durchaus hinkommen. Er malt mir all’ die Herrlichkeiten von Salzburg aus, wie man einem störrischen Kinde zuredet. Da ist besonders eine Verheißung: Arthur Schnitzler. Ach, ich habe ein solches Heimweh nach Dir, mein theurer Freund, vielleicht reiße ich mich doch heraus und komme. Thu’ mir jedenfalls die Liebe und halte Dir im September ein paar Tage für mich frei. Wenn ich reisen sollte, verständige ich Dich |in den letzten Tagen des August. Schreib’ mir, ob Dich um diese Zeit eine Nachricht in Wien trifft. Aber bereite Dich vor, mich sehr zum Nachtheil verändert zu finden, und geh’ nicht zu streng mit mir in’s Gericht.
Dann sprechen wir auch über alles Übrige. Ich halte zum Beispiel eine Reise nach Berlin, zur Betreibung Deiner dramatischen Angelegenheiten für unerläßlich. Ebenso ließe sich vielleicht hier etwas mit Antoine machen, wenn Du eines der Anatol-Stücke ins Französische übersetzen könntest und selbst hierherkämest, um die Sache zu betreiben. Seit dem Erfolge Gerhart Hauptmanns sind sie dort wie ich höre nicht unzugänglich |für Deutsches und Österreichisches. Mit dem, was Trottel in Saublättern über Dich schreibensollst Du Dir Dein cabinet tapezieren und ruhig weiterschaffen, auch von vorübergehenden Muthlosigkeiten unbeirrt, wie sie die alltäglichen Erscheinungsformen aller producirenden Thätigkeit sind, wenn etwas zuviel Gehirnschmalz verbraucht ist. Das dumme Gethier, das Dir heute in die Beine kläfft, wird Dir morgen die Hand schlecken, wenn erst der Erfolg da sein wird, das einzige Beweisstück in den Augen des Gesindels. Den aber wirst Du haben, aus dem einfachen Grunde, weil Du von der jungen schreibenden |Generation eines der größten und glänzendsten Talente bist. Du bist viel mehr als Herzl, denn dieser ist – so erstaunlich Dir das klingen mag – ein enger Geist, kein Dichter, und nur eine Formbegabung. Ich kenne nur Einen, mit dem ich Dich ernstlich vergleiche, das ist Gerhart Hauptmann. Du bist im Weichen das, was er im Starken ist – ich urtheile nach den »Webern« – und diese Überzeugung werden mir alle kritisirenden Pinsel nicht erschüttern. Deine letzten Werke kenne ich nicht. Mein Onkel nennt Deinen Roman »bedeutend«. Das ist ein Epitheton, das ich von ihm nur auf die bewunderten Meister bisher anwenden gehört und ich nehme es als erfreuliches Zeugniß.
Sei von Herzen gegrüßt, mein lieber Arthur!
Dein Paul Goldmnn
    Bildrechte © Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar