Fondateur M. L.
Sonnemann.
Journal politique, financier,
commercial et littéraire.
Paraissant trois fois par jour.
Bureau à Paris:
24. Rue Feydeau. Paris, 5. December.
Mein lieber Freund,
In Angelegenheit der Aufführung von »Liebelei«
in Paris habe ich gestern einen Schritt gethan, den ich
längst thun wollte. Ich war bei Jean Thorel, dessen Namen Du gewiß kennst. Sehr braver u. gewissenhafter Mensch, wenig Künstler, großer Freund Hauptmanns, von dem er die »Weber« u. »Hannele« für die Pariser Aufführung übersetzt hat,
Intimus von Antoine etc. Ich habe ihm von Deinem Stück gesprochen, il est très – emballé là-dessus, will es gern übersetzen, unter der Bedingung freilich, daß es zur
Aufführung |kommt, will Schritte zur Aufführung bei
ernsten Theatern thun, verlangt aber baldige Einsendung des Buches, im Druck oder auch im Manuscript. Wenn es irgend geht, sende ihm die Sache, mit einem artigen
Briefe, deutsch geschrieben, worin Du Dich entschuldigst, daß Du wegen mangelnder
französischer Stylgewandtheit ihm nicht französisch schreibst. Er wird keine
glänzende Übersetzung machen; eine gute französische Übersetzung bekommst Du
überhaupt nicht, da alle übersetzenden Franzosen mehr oder minder plumpe Handwerker sind; aber von Allen, die ich kenne, |wird er die
Sache noch am Wenigsten verhunzen. Damit erledigt sich wohl von selbst der Brief des
jungen Mannes aus Lyon, der mir sonst sehr gefällt und sehr ehrlich zu sein scheint. Aber ich habe
mich nach ihm erkundigt, kein Mensch kennt den Namen, selbst die Lyoner Journalisten nicht. Drum ists wohl besser, sich nicht aufs Unsichere einzulassen und lieber den
geraden Weg, d. h. einen bekannten Übersetzer zu wählen. Entschuldige, daß ich den Brief solange behalten. Aber
wüßtest Du, was Alles in meinen Kopfe rumort hat, seitdem!
Die kürzlich zurückgesandten Drucksachen haben mich interessirt, wie alles Übrige.
Wolter, die dumme Gans, hat mich belustigt, Ludassy mag ich gar nicht – auch Einer, der mit dem Erfolge geht und Dich bei der ersten
Schwierigkeit im Stich lassen wird. Die kleine Parodie ist nicht übel
gemacht. Daß Granichstaedten jede nur irgend mögliche Gemeinheit begeht, ist selbstverständlich. Du hast
Recht, Dich nicht dabei aufzuhalten. Weiterschreiben ist die beste |Antwort. Zum Hassen und zum Bekämpfen solcher
persönlicher Widersacher haben nur die unproductiven Leute Zeit. Nur den Bahr würde ich an Deiner Stelle doch einsalzen. Das ist nämlich eine Maßnahme von
Hygiene des alltäglichen Lebens. Der Bursch darf Dir nicht mehr ins Haus, es muß ein deutlicher
und klarer Bruch zwischen Dir und ihm sein. Was hast Du ihm auf das infame Billet geantwortet, das er Dir nach seiner Kritik |zu schreiben die Frechheit hatte?
Daran, daß die Leute Deinen Erfolg Deinen Freunden und Beziehungen zuschreiben, wirst
Du Dich gewöhnen müssen. Das Gesindel kann doch
nicht rückhaltslos loben; irgend etwas Geringschätzendes müssen sie einfließen
lassen. So haben sie das gefunden. Beim nächsten Erfolg werden sie schon auf etwas
Neues kommen. Das Alles hat aber nicht die geringste Bedeutung, |und mit all’ ihrer Gemeinheit, vorn herum oder
hinten herum, können sie Dir nichts Wesentliches rauben.
Herzl war bei mir und sagte über Dich wohlwollend: »Der ist jetzt der größte Dichter von Wien«. Auch diesen wirst Du bald auf der Gegenseite finden. Oh
was für ein widerliches Subject! Ich habe nicht die Kraft gehabt, ihm diesmal den abstoßenden Eindruck zu verbergen, den er mir
machte.
|Auch Sudermann ist mir nicht sympathisch. Freilich ist er zu Dir anders,
wie zu mir. Aber diese seine Einfachheit ist
eine gemachte; und er ist sogar eitel darauf, der schöne Mann zu sein. Auch bin ich
überzeugt, bei Frauen spielt er den Räthselhaften
und Dämonischen.
Hast Du nun wirklich die »Liebelei« für Dich
umgearbeitet? Und was macht das neue Stück? Werde ich es im Manuskript zu sehen
bekommen, auf |einen Tag, wie immer? Und was schreibst Du sonst? Und wie und mit wem lebst
Du? Was macht die große Tragödin? Wie lange wird die »Liebelei«
noch gespielt werden? Der Erfolg ist phänomenal. Hast Du viel Geld verdient? Und das sparst Du doch hoffentlich? Hast Du die sechs Ausschnitte aus der »Liberté« erhalten, die ich Dir senden ließ? Was macht die Frau Lou Andreas? Was |macht Richard? Arbeitet er? Wird was von ihm erscheinen? . . . . .
Wir Zwei! In einem Deiner Briefe befindet sich eine lange und rührende Stelle
darüber, die mich jetzt beim Wiederlesen nicht weniger bewegt, als beim
ersten Mal. Es ist lieb, daß Du Dir solche Mühe gibst, mir die schlimmen Dinge
auszureden. Sprechen muß ich Dir davon, denn ich bin Dir Ehrlichkeit schuldig. Von
Dir aus ist gewiß nichts zu befürchten. Du wirst |Dich nicht ändern, was auch kommen mag, und wirst einfach und treu bleiben. Aber in
mir sitzt das Übel. Ich habe die Empfindung – und sie kehrt immer wieder, trotz allen
Ankämpfens dagegen – daß Du mir auf einmal ferner gerückt bist, als je, daß Du und
ich jetzt auf zwei ganz verschiedenen Lebensgefilden stehen, die weiter auseinander
liegen, als Wien und Paris, und durch etwas Weiteres getrennt sind, als
durch einen Raum von fünf Jahren. Du und ich, wir
werden jetzt zwei |verschiedene Leben führen. Das
kommt nicht plötzlich, aber ganz allmälig,
ganz unmerklich. Du wirst oben leben, und ich unten. Derjenige aber, der unten
bleibt, bemerkt die Veränderung immer zuerst. Ich habe die Empfindung, daß Du mir langsam
entrückt wirst, und daß ich Dir nicht nach kann. Ich denke mir, daß ich ein Stadium in Deinem Dasein war, daß sich Dein Leben von mir weg weiter entwickelt: denn mein Leben entwickelt sich |nicht, und ich bleibe stehen. Ich meine, daß Du mich nicht mehr brauchst, und daß
meine Rolle auprès de ta personne ausgespielt ist. Ich sehe Dich weit, weit weg von mir. Schreib’ mir,
was Du willst, ich kann mir nicht helfen: ich sehe
Dich eben so. Ich weiß, daß Du die größten Kraftanstrengungen machen wirst, um mich
mit Dir zu nehmen; aber ich weiß, daß |keine Kraft
da nützen kann, weil es ein Gesetz ist, daß ich
zurückbleiben muß.
Ich drücke das Alles schlecht aus. Es ist heut wieder
ein schlimmer Tag. Ich sitze mit schwerem Kopfe da, und habe mich eine Nacht schlaflos herumgewälzt, in Seelenqualen. Die Arbeit habe ich satt. Habs wieder einmal
mit dem Leben versuchen wollen. Oh, was für eine Sehnsucht ich danach habe, nach dem
heißen, lebendigen |Leben! Nicht vorwärtskommen,
gut! Der Ehrgeiz und das Alles ist doch nur künstlich! Aber leben! Und da ist ein süßes Kind, die der
liebe Herrgott für mich geschaffen hat, Grisette oder so etwas. Aber sie kann mich nicht lieben, weil ich nicht jung bin und
kein feuriger Liebhaber. Und da es nun nichts wird und da alle Sehnsucht wieder
einmal vergeblich war, entdecke ich, daß ich im Innern stets eine Angst davor |gehabt habe, es könne doch wahr werden und mir doch
gelingen! . . . .
Grüß’ Dich Gott, mein lieber Freund!
Dein
treuer
Paul Goldmnn
treuer
Paul Goldmnn
Schreib’ bald!
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