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Überlieferung

Versand  Empfang
Versand: 7. 9. [1896]
Goldmann, Paul
Berlin
Empfang: [8. 9. 1896 – 12. 9. 1896?]
Schnitzler, Arthur
Wien
Textzeuge 1
Signatur D, Marbach am Neckar, Deutsches Literaturarchiv, A:Schnitzler, HS.NZ85.1.3166
Typ Brief
Beschreibung 3 Blätter, 12 Seiten, 4.335 Zeichen
Handschrift schwarze Tinte, deutsche Kurrentschrift
Zufügungen
Schnitzler 1) mit Bleistift das Jahr »96« vermerkt
2) mit rotem Buntstift zwölf Unterstreichungen

Textqualität

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Zitieren

Empfohlene Zitierweise
Paul Goldmann an Arthur Schnitzler, 7. 9. [1896]. In: Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren. Digitale Edition. Herausgegeben von Martin Anton Müller mit Gerd Hermann Susen, Laura Untner und Selma Jahnke, https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L02784.html (Abfrage 18. 6. 2026)
Kurz-Identifier

Für gekürzte Zitate reicht die Angabe der Briefnummer aus, die eindeutig und persistent ist: »L02784«.

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Quelldaten

Die Quelldaten (TEI-XML) dieser Edition sind über Zenodo dauerhaft archiviert und zitierbar: DOI 10.5281/zenodo.20309129

Chronik

Montag, 7. 9. 1896

Aufenthaltsorte
Tagebuch
Briefe mit Autorinnen und Autoren
Wiener Schnitzler
Weiteres

Paul Goldmann an Arthur Schnitzler, 7. 9. [1896]

Fondateur M. L. Sonnemann.
Journal politique, financier,
commercial et littéraire.
Paraissant trois fois par jour.
Bureau à Paris
24. Rue Feydeau. Berlin, 7. September.

Mein lieber Freund,

Morgen, Dienstag, fahre ich heim (»heim« ist gut!), und Dein lieber Brief ist das letzte Angenehme, das mir hier widerfährt.
Ich freue mich, daß Du glücklich wieder in Wien bist und dort Alles beim Rechten gefunden hast.
Burckhardts Begeisterung für Dein Stück ist ein weiteres gutes omen. Daß das Werk den Theaterleuten so gefällt, ist das stärkste Zeugniß für die Theater-Wirkung, die man |davon erwarten kann. Warum B. sämmtliche noch überlebenden Personen des Stückes umbringen will, ist mir nicht recht begreiflich. Diese Abänderungs-Vorschläge sind sehr komisch. Da wüßte ich viel bessere: Anna soll den Kassierer Kohn heirathen und Vogel soll in dem Theater-Director seinen verloren geglaubten Vater wiederfinden. . . . . 
Die Äußerung des allerhöchsten Herrn über »Liebelei« ist köstlich. Ich hoffe, Seine Majestät versteht vom Regieren mehr, wie von der Kunst, |sonst müßte man mit großer Besorgniß in die Zukunft Österreichs blicken. Mitterwurzer isso der rechte Sau-Komödiant. Schreib’ ihm einmal eine Rolle, in der er Erfolg hat, und er wird Dich als das erste Genie der Welt ausschreien.
Von Richard weiß ich Dir wenig zu sagen. Er muß schon in Baden sein. Während der letzten Tage seines Hierseins war er nervös und erging sich in unangenehmen Betrachtungen über die »guten Menschen«. Paula hat er |fortgeschickt; sie wollte natürlich zum Schluß durchaus noch dableiben, weil sie bei Hagenbeck sschöne Affen und Raubthiere gesehen hatte.
Was mich anlangt, ssind mir die Tage in Berlin recht angenehm verflossen. Der liebste unter den Menschen, die ich hier kennen gelernt, ist mir Dr. Bie. Er ist ehrlich und gut. Wir verstehen uns und haben uns wohl auch gern. Kerr mag ich weniger. Ich wittere in ihm |den froid ambitieux. Mit Brahm, Rittner und Richard verbrachte ich einen Abend. Rittner gefiel auch mir ausnehmend. Brahm forderte mich auf, ihm noch einmal Rendezvous für einen Abend zu geben. Ich hab’ es aber nicht gethan; ich glaub’ nicht, daß ihm irgend etwas an mir liegt. Fischer hat sofort in mir einen ausnutzbaren Mann gesehen, hat sich von mir einige Stunden über Paris erzählen |lassen, hat mich auch zum Abendessen geladen. Die Herausgabe der Humoristen hat er natürlich abgelehnt. Hingegen wird seine Frau wohl einen oder den anderen von diesen Leuten jetzt übersetzen, angeregt durch die Lectüre meiner Feuilletons! Das mindert nicht den Freundschaftsdienst, den Du mir hast leisten wollen, und ich danke Dir von ganzem Herzen dafür. Die Zeichnung von Forain |konnte ich ihm nicht zeigen. Ich habe sie dem Richard für Dich mitgegeben; derselbe hat auch Deinen Altenberg. Sag’ ihm, bitte, daß ich ihm den Gregorovius sofort nach meiner Ankunft in Paris schicken werde. Ich habe den Brief mit seiner Badener Adresse verloren, und auch seine Wiener Adresse finde ich erst in Paris.
Sonst hat mir Berlin besser gefallen, als ich erwartet. Aber lieb |gewinnen könnte ich die Stadt wohl nicht. Im Großen und Ganzen macht sie den Eindruck einer rasch und billig hergestellten Großstadt. Aber überall fehlt Cultur und Schönheit. Immerhin ist Vieles imposant; und die Leute sitzen da und hören Einem sogar zu, als ahnten sie, daß es noch etwas jenseits ihres Horizontes gibt – was mich überrascht hat. Freilich das sind |doch wohl flüchtige und vielleicht falsche Eindrücke.
Meine arme Mama ist gestern unter vielen Thränen nach Frankfurt gefahren. Was daraus werden soll, weiß ich nicht. Einstweilen muß ich meine Monatsrate erhöhen. Ich kanns natürlich nicht, aber ich muß es.
Mir graust vor Paris – das heißt vor der Arbeit, die mich |dort erwartet, und auch an dieser Arbeit ist nur schrecklich, daß sie so ganz vergeblich ist. Ich sehe es klarer wie je: Alles, was ich dort arbeite, kommt nur meinem Chef zu gute, nicht mir. All’ diese Riesen-Anstrengung da drüben zählt nicht, und ich müßte noch nach dem ermüdenden Arbeitstage Zeit und Kraft finden, um das Eigentliche zu arbeiten, das erst zählen würde. Unter |diesen Umständen muß man müde und muthlos werden.
Grüß’ Dich Gott, mein lieber Arthur, und hab’ Dank für Deine Treue und Freundschaft und für die schönen Tage von Skodsborg (nicht wahr, sie waren schön?)
Empfiehl’ mich Deiner Frau Mutter, deinem Bruder, deiner Schwägerin, Deiner Schwester und |Deinem Schwager.
Empfiehl’ mich auch der unbekannten Dame, die mir den Altenberg übersandt hat.
In Treue
Dein
Paul Goldmann
Schreib’ mir bald nach Paris.
Wann gehst Du nach Berlin?
    Bildrechte © Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar