Fondateur M. L. Sonnemann.
Journal politique, financier,
commercial et littéraire.
Paraissant trois fois par jour.
Frohe Weihnachten, liebster Freund!
Mit Deinem Auge
geht es wohl besser? Dein letzter lieber Brief war recht verstimmt. Freilich, mit
einem Absceß im Augenlid sieht sich das Leben nicht schön an.
Und doch hat mich Dein letzter Brief nachdenklich gemacht. Du darfst mir nicht
hypochondrisch werden! Und wenn es Dir schon im Ohre klingt! Muß man denn ganz gesund sein?! Wer von uns ist gesund? Man lebt und leidet eben. Ist das nicht eine alte
Geschichte? Und lebt man deshalb weniger, weil man leidet? Eher mehr.
|Bei alledem glaube ich Dir Deine Krankheit gar
nicht. Du hast das, weil Dir, Gott sei Dank, nichts Ernstes fehlt. Du hast viel Gutes
und Herrliches schon genossen, Du bist ein wenig abgestumpft geworden gegen all’ die schönen Dinge in Deinem Leben, das Errungene bildet darum kein rechtes Gegengewicht
mehr gegen die Melancholie, die von Natur aus in dir wohnt, und ich glaube fast, daß
die Hypochondrie bei Dir eine Form der Blasirtheit ist.
Aufgeschüttelt werden müßtest Du, heraus müßtest Du aus Deinem behaglichen Wiener Nest, heraus in die Kälte, in die Fremde! Es
ist ganz natürlich, daß Du so, im gleichmäßigen |Weiterschreiten, das Bewußtsein der Kräfte verlierst, die in Dir wohnen.
Wie darfst Du sagen, daß Du nicht an Deine Zukunft glaubst?! Wer hat Zukunft, wenn
nicht Du?! Nur muß die Zukunft von selbst erwachsen, als natürliche Frucht einer
kräftigen Gegenwart. Ruhig leben, seine Kraft stärken, ausreifen lassen, was reifen soll, und keine Ungeduld! Wenn man natürlich sich jeden Tag hinsetzt und seine
Zukunft machen will, so geht es nicht. Auch hier gibt es eine psychische Impotenz. Nein, sei ruhig und Deiner selbst sicher (weiß Gott,
Du kannst es!), |wenn es mit dem Produciren nicht geht, so leg’ es ein wenig
beiseite, schaffe Dir schöne Tage, und laß’ aus Tagen und Tagen ganz unmerklich die
Zukunft werden! . . . .
Übrigens, was rede ich? Wenn Du diesen Brief bekommst, bist Du sicherlich bereits in
ganz anderer Stimmung, wie damals, wo Du mir den
Brief schriebst, der vor mir liegt.
Keiner von Deinen Briefen aus den letzten Monaten ist mir gestohlen worden. Sei ganz beruhigt! Es handelt sich um einige wenige Briefe früheren
Datums, in denen sicher nichts Wichtiges oder besonders Vertrauliches steht.
|Was ist mit dem Burgtheater? Also hat es den Burckhardt doch ereilt? Ich wundere mich nur, daß ich
nicht den Bahr unter den Directions-Candidaten
lese. Der Kerl hat in Wien den schlechten und faulen Boden gefunden, in dem
allein er gedeihen konnte, und er gedeiht. Er wird großer Pontifex werden, und ich denke, in ein paar Jahren wird man ihm auch das Burgtheater anbieten. Eines Tages werden dann vielleicht auch
andere Leute entdecken, daß er ein unehrlicher und unverständiger Mensch ist, aber
dann wird es zu spät sein.
|Dir sollten sie das Burgtheater geben. Ich wüßte in der Welt keinen besseren Director. Schlenther? Wäre das der Richtige? Dieser Berliner und Protestant, der wahrscheinlich ein kluger
Mann, aber sicherlich ein kalter und unkünstlerischer Mann ist?
Bitte, grüß’ mir Deine Freundin recht herzlich. Ich bringe es nicht fertig, ihr irgend etwas von
meinen Arbeiten zu schicken. Ich weiß, daß das, was ich schreibe, der Vergessenheit
verfallen ist, und dieses Bewußtsein lähmt mich so, daß ich nicht einmal die Kraft habe, einen
Artikel |herauszusuchen und ihn auf die Post zu
geben. Ich bin eben ein Journalist und nichts Anderes. Frage nur den Herrn Bahr und seine Bande, sie werden es Dir schon sagen.
Was macht Richard? Ist seine Novelle beendet? Ich fürchte sehr, daß es dem Helden einfallen könnte,
zum Schluß noch von einem anderen Tempel zu träumen, und das würde dann wieder ein
bis zwei Jahre dauern. Und Mirjam? . . . .
Ich habe arge Wochen durchgemacht und fürchterlich gelitten. Es ist schlimm, Beschimpfungen ertragen zu müssen, |ohne sich wehren zu
können, und zu fühlen, wie rings um Einen das Mißtrauen schleicht. Und dabei ganz
allein, im fremden Lande, ohne Freund, ohne
ermuthigenden Zuspruch! Und nichts thun können, als einfach ruhig bei seiner
Überzeugung bleiben. Man muß stillstehen und seine Pflicht thun, und in dieser harten Pflichterfüllung ist keinerlei Ruhe zu holen. Nichts als Schläge, und bitterer Zweifel im Innern! Und doch, ich
kann mich nicht entschließen, jede Hoffnung aufzugeben. Auf der einen Seite die
Wahrheit, auf der anderen Seite ein ganzes Volk. Es ist nicht gesagt, |daß das Volk der stärkere Theil sein
muß.
Ich habe Paris satt über alle Maßen. Ich möchte so gerne fort, aber meine Zeitung will es bisher nicht zugeben. Es ist ihnen so bequem, mich als Arbeitsthier hier zu haben.
Nicht wahr, liebster Freund, Du schreibst mir bald?
Und nochmals von Herzen fröhliche Feiertage!
In Treue
Dein
Paul Goldmann
Dein
Paul Goldmann
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