Berlin, 27. Mai.
Mein lieber Freund,
Du bist wieder einmal ganz verstummt. Von Woche zu Woche warte ich auf eine
Nachricht, aber vergebens.
Wann also wirst Du anfangen zu reisen? Und wohin? Interessant wäre es
auch, die Frage zu stellen: mit wem? Aber ich stelle sie lieber nicht.
Rudolf Lothar hat sich hier hübsch benommen. Er hat sich einen in Berlin lebenden Wiener Journalisten engagirt, der von Berliner Redaktionen wegen »Inkorrektheiten« entlassen worden ist, und hat
von diesem am Abend seiner Première ein gefälschtes Telegramm an alle Wiener Blätter senden lassen. Für die N. Fr. Pr. hat Landau vom Börsencourier |telegraphirt, der
bekanntlich die Spezialität hat, Alles zu loben. Aber selbst dessen Telegramm genügte noch nicht, und so hat
man in der Redaktion diese
Fälschung durch Einfügung einiger lobender Sätze noch weiter gefälscht. Dem Fritz Mauthner hat sich Lothar seit dem Tage seiner Ankunft an die Rockschöße gehangen, er hat ihn umwedelt
und umschmeichelt. Die Folge davon war, daß Mauthner in seinem Feuilleton vom »Dichter Lothar« sprach. Damit ist Mauthner als Kritiker allerdings für mich gerichtet.
Als Karlweiss’ »Onkel Toni« hier aufgeführt wurde, telegraphirte ich |ganz sanft: Die vortreffliche Aufführung habe über die schwachen Stellen des Stückes hinweggeholfen. Der
Satz wurde gestrichen. Ein
Stück von Karlweiss darf nicht einmal schwache Stellen haben!
Der »Star« von Bahr hat mir hingegen gefallen. Dieser widerliche Bursch hat doch – leider! – Humor und
Talent.
Bitte, lies’, wenn Du es noch
nicht kennst, »Die Familie von Barchwitz« von Hans von Kahlenberg. Seit Langem hat mich kein Roman so interessirt. Verfasserin ist ein nicht
mehr |ganz junges, aber noch recht hübsches Mädchen, ein Fräulein von Montbart, Offiziers-Tochter.
Was macht Richard?
Bitte, schreib’ mir bald!
Viele treue Grüße!
Dein
Paul Goldmann
Dein
Paul Goldmann
Auch Ludassy benimmt sich abscheulich hier und macht sich aus dem Verbot seines schlechten Stückes eine
unerträgliche Reklame.
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