Berlin, 29. Mai.
Mein lieber Freund,
Unsere Briefe haben sich wieder einmal gekreuzt. Es ist schön, daß Du in den Bergen bist, in guter Luft und in
Ruhe. Wie der Ort am Fuße des Schneebergs heißt, habe ich nicht entziffern
können. Über Schlenther ärgere Dich nicht. Aufführen muß er Dich ja doch, ob er will oder
nicht. Im Übrigen ist er ein erbärmlicher Kerl und wird
nicht mehr lange das Burgtheater dirigiren.
Daß Brahm Dich bisher nicht
aufgeführt hat, ist begreiflich. Er ist ein Geschäftsmann und will zuerst seine neuen
Stücke bringen, die bessere |Einnahmen versprechen, als
die schon bekannten.
Ich habe jetzt wieder eine Zeit relativer Ruhe, könnte für mich arbeiten, zermartere
mir
den Kopf und bringe nicht einen Gedanken heraus. Das
verstimmt mich tief. Ich bin eben offenbar doch nur ein Journalist und habe kein Recht zu höheren Prätentionen.
Der Leiter der Breslauer Freien Literarischen
Vereinigung, Dr. Erich
Freund, der, wie Du weißt, ein Jugendfreund von mir ist, weilt gegenwärtig in Berlin und hat mich gebeten, Dich |zu fragen, ob Du nicht in diesem Winter einmal in Breslau
lesen möchtest? Die Leute haben ein sehr vornehmes Vortrags-Programm, zahlen von 150 MK aufwärts und wären sehr glücklich, Dich einmal zu haben.
Sommerpläne? Wie ich Dir schon geschrieben habe: Ich wüßte mir natürlich nichts Besseres,
als mit Dir und Richard zusammen zu sein, aber ich werde kein Geld haben. Meine Haushalt-Ausgaben laufen
fort, ob ich hier bin oder nicht, meine Mutter muß aufs Land, endlich muß ich, wenn ich hier |weggehe, mir einen Vertreter zahlen. Es ist sehr lieb
von Dir, daß Du mir etwas borgen willst. Aber ich sehe keine Möglichkeit, wie ich Dir das
wiedergeben soll, und überdies schulde ich Dir noch 100 Kronen
von Kopenhagen her. Wenn also bis
zum August nicht ein Wunder geschieht, werde ich in Berlin bleiben müssen.
Schreib’ mir bald und sei von Herzen gegrüßt!
Dein treuer
Paul Goldmann.
Paul Goldmann.
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