|Miskolcz 12. IX. 91.
Lieber Freund! Herzlichen Dank für Ihre beiden Briefe und verzeihen Sie, dass ich heftig wurde. Aber wenn man beinahe 100 Meilen
weit von Wien ist fühlt man sich so
ohnmächtig –. Ihr Brief, der erste nämlich ist verloren gegangen. Ich bin sehr froh,
dass es Ihnen leidlich geht. Wann muss man zum Engagement in Tr. eintreffen? Was das Arbeiten anlangt, geht es mir wie Ihnen. Ich habe keine
Zeile geschrieben. Es war auch physisch unmöglich. Mein Rückfall ist ziemlich
unerklärlich, aber darum nicht weniger heftig. Was ich hier leide, ist entsetzlich. Mein einziges
Hülfsmittel ist das Kutschiren. Ich bin auch hier schon als rasender Fahrer bekannt,
und mein Papa fürchtet sich
zu fahren, wenn ich kutschire. Es ist eine Wolthat, sage ich Ihnen, wenn man so
gequält ist, dass man laut aufschreien möchte und man hat zwei Pferde und eine
Peitsche in der Hand, die glatte Landstraße vor sich, und kann so sausen wie der
Wind. Ich habe mich in meiner Verzweiflung erbötig gemacht, unseren neuen Bergdirektor, sowie einen Ingenieur zu den Gruben nach Upony zu
fahren. Der erstere musste den Punkt suchen, wo der Einstich beginnen sollte, der
zweite die Trace der Eisenbahn, welche gebaut werden soll, bestimmen. Wir fuhren um
4 Uhr morgens aus – haben Sie gerne, was?,
– und ich legte unter einem fürchterlichen Anfall von image physiq den Weg der sonst 8 Stunden dauert in 5 ½ zurück. Dazu kam, dass der
junge Ingenieur (typisch
ungarischer Jude) sich bei
mir angenehm machen wollte. Als wir durch den Uponyer Engpaß fuhren, umringt von hohen Bergen, in denen mächtige
Kohlenlager enthalten sind, be|gann der Mensch neben mir
enthusiastisch zu werden, und mir von der »Mutter Natur« zu reden. Ich glaubte, ich
müsse vom Wagen springen, und laut schreiend in’s Kafé Kremser zu
laufen, um mit Ihnen über die lächerliche Begeisterung des widerlichen 1. Grades zu schimpfen. Das wird jedoch bald geschehen, und dann
werde ich Ihnen das Milieu
schildern, in das ich hier gerathen bin. Schrecklich ist mir hier das Umworbenwerden,
das Herandrängen der Familien u. das plumpe Angeln der Mütter u. Töchter. Mein Bruder
Emil – »is scho hin × is scho hin!«
Mit Italien sieht’s schlecht aus. Papa beginnt
den Betrieb und
ich sehe, wie die Tausende nur so fliegen. Es wird schwer halten an ihn
heranzutreten. Auf jeden Fall sehe ich
Sie im Verlaufe dieser Woche, und freue mich schon sehr darauf.
Leben Sie recht wol, und berauschen Sie sich immerhin an der Lüge, die nach Wahrheit duftet, auch ich suche u. ersehne diesen Duft; – es ist ja unser Beider Schicksal,
die wir nach der Wahrheit lechzen, dass wir uns am Duft der Lüge betäuben, und daher
auch unser Hass gegen die Nüchternen.
Grüßen Sie mir alle Herren die uns lieb sind, und senden Sie auch von mir die besten
Wünsche mit nach Tropp.
Ihr herzlich ergebener Felix S.
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