|Sehr geehrter Herr Doktor!
Wir saßen in einer kleinen Gesellschaft und ich erzählte den Inhalt Ihrer Novelle:
Der
Tod des Junggesellen, die ich dreimal gelesen und jedesmal von neuem
miterlebt.
Das schreibt man, aber das tut man
nicht! sagte ein temperamentvoller Ehemann, ein Pflichtenmensch,
dessen Gefühle sich nur in der Skala des Erlaubten bewegen. »Künstler und
Mensch sind so grundverschiedene Elemente, die man haarscharf auseinanderhalten muß,« sagte eine Malerin.
Er würde gewiß nicht so
handeln, wenn die Frau |die er liebte
– – – –
Im Affekt ist man niemals Herr seiner selbst! so sagten – alle – alle –
Und ich drang mit meiner Verteidigung nicht durch, daß man sich kraft seines Wesens,
kraft seiner Überzeugung zu einem Standpunkt durchgerungen, den man unter allen
Umständen einnimmt.
Man verwies auf »Das Märchen«.
Daß Sie der Welt und dem landläufigen Empfindungsvermögen, das in tief eingewurzelten
Vorurteilen seine Begründung hat im Märchen
einen Spiegel vorgehalten und vielleicht auch damals so gefühlt, ist möglich,
heute stehn Sie aber ir|gendwo
anders, sagte ich. Daß durch viele Ihrer Arbeiten, als Leitmotiv derselbe Gedanke
durchklingt, und daß gerade dieser Gedanke Ihre tiefinnerste Überzeugung ist, daß wir
gewisse Gefühle nicht unter die Herrschaft des Willens zwingen können, und daß die
Einsicht allmählich durchdringt, daß wir niemals ein schrankenloses Recht auf den
Nächsten haben. Daß gerade Sie ein reifes Verstehen für die schlagenden Wetter, tief
drunten im dunklesten Schacht der menschlichen Psyche haben, die Sie sehen und
begreifen, trotz des Vorschutzes von Kultur und Beherrschung, trotz jahrtausende
alter Vorurteile. |Und daß gerade indem
einen Punkt, Mensch und Künstler dieselbe Sprache sprechen. Ja, daß Sie der Apostel
dieses wunderlichen Gedankens sind, zu dem die andern erst langsam, langsam finden
müssen.
Wir gingen alle verstimmt auseinander. Keiner hatte den
anderen überzeugt. Da ich aber das sichere Gefühl habe, daß ich Sie verstehe – so
möchte ich mir die Frage erlauben – wer von uns hatte recht?
Mit freundlichem Gruß
Frau Marie Holzer.
Frau Marie Holzer.
Prag-Weinberge Kroneng. 78, den 23. 4. 1908.
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