|Sehr geehrter Herr Doktor!
Im Begriffe eine Anthologie »
Die deutsche Lyrik des 19. Jahrhunderts«
zusa
mmenzu
stellen, worin ich ein voll
ständiges Spiegelbild der deutschen Lyrik
von
Körner bis zu
Hoffmannsthal und
Stefan George geben will, al
so keine konventionelle Blütenle
se für das deut
sche
Haus, ge
statte ich mir, bei Ihnen
anzufragen, ob Sie es gerne
sähen,
wenn auch lyrische Gedichte von Ihnen
in die
Sammlung aufgeno
mmen würden?
Mir wäre es ein Vergnügen, Ihren
Namen darin vertreten zu
sehen und
Sie dem Publikum, das Sie bisher nur
als Dramatiker und Novelli
st kennt
und
schätzt, nun auch als Lyriker
|vorzuführen. Obwohl ich noch nie ein
lyrisches Gedicht aus Ihrer Feder gele
sen
habe, so habe ich in Ihren Arbeiten einen
ausge
sprochen lyrischen Zug zu erkennen
geglaubt, der mich annehmen ließ, daß
Sie auch lyri
sch thätig
sind, eine Annahme, die Herr
G. Schwarzkopf auf meine
Frage be
stätigte. Dies der Grund, warum
ich mich an Sie wende, Herr Doktor!
Sollten Sie auf meinen Vorschlag
eingehen, so würde ich bitten, mir eine
Auswahl solcher Gedichte zu senden, die
Sie für Ihre gelungensten und für
Ihre Eigenart meist charakteristischen
halten; aus diesen würde ich dann
die mir am meisten zusagenden 2–5
auswählen & kopiren, worauf ich Ihnen
Alles wieder zurücksenden möchte.
Die
Anthologie soll bei
Cotta er
scheinen, doch ist es noch nicht sicher, denn
obgleich er sich für sie intere
ssirt
und dies durch Zu
sendung von Material
|auch bethätigt,
so erfolgt die Ent
scheidung
bezüglich der Annahme doch er
st, nachdem
ich ihm das fertige
Werk vorgelegt habe.
Ich kann al
so für das that
sächliche Er
scheinen des
Werkes keineswegs garantiren.
Im Falle Sie auf meinen Vorschlag eingehen sollten, bitte ich auch um Angabe
von Geburtsdatum und Ort sowie der
(eventuellen) Titel lyrischer Werke aus
Ihrer Feder.
Indem ich hoffe, Ihnen mit meiner Bitte nicht lästig zu fallen, zeichne ich, Herr Doktor,
Hochachtungsvoll Theodor vSosnosky
27/12 99.