|Sehr geehrter Herr Doktor!
Dieser Tage wird Ihnen von Cotta meine Anthologie zugehen, in der
auch Sie vertreten sind. Ich hatte vor, Ihnen persönlich ein Exemplar zu übersenden, um mich sowohl für Ihren freundlichen Beitrag als für die Spende Ihres charmanten Buches zu revanchiren; aber der
Verlag teilte mir mit, daß
er ohnehin an alle im Buche vertretenen Autoren, sofern sie noch
am Leben sind, Frei-Exemplare
versende. Da dies wahrscheinlich schon geschehen ist, so sende ich selber kein Exemplar an Sie ab, sondern
begnüge mich mit diesem Briefe.
Bei dieser Gelegenheit will ich auch bemerken, daß meine Absicht, Ihr Buch zu besprechen, keineswegs leeres
Geflunker gewesen |ist, wie es den Anschein hat, da noch immer keine Rezension erschienen ist; ich habe vielmehr in
einem längeren Essai »Jung Wien« ihre gesammte litterarische
Thätigkeit kritisch zu schildern versucht und dabei sehr ausführlich von »Reigen« gesprochen. Dieser Aufsatz ist im Juli an die »Nord-deutsche Allgem.« abgegangen, die sich geneigt erklärt hat, ihn zu bringen.
Bis heute hab’ ich nichts gehört! Doch werde ich den Aufsatz schließlich doch irgendwo herausbringen, falls er dort etwa nicht
erscheinen sollte.
Eine Besprechung des Buches –
ohne Nennung Ihres Namens, – also um so pikanter für die Leser – hatte ich einer
litterarischen Revue, die demnächst im »N. Wiener Tagblatt« erscheinen wird, einverleibt, erregte jedoch – sub rosa bemerkt! – Anstoß damit und mußte den
diesbezüglichen |Teil streichen. Das liebe Publikum fühlt sich ja so leicht
in seiner imaginären Keuschheit verletzt.
Wenn ich meine Zusage also bisher nicht gehalten hab, so bitte das freundlichst nicht
auf mein Schuld-Conto zu setzen.
Indem ich die mir gütigst zur Verfügung gestellten 3 Gedichte zu
anderweitiger Verwendung wieder mit verbindlichstem Danke zurückstelle, zeichne ich,
geehrter Herr Doktor,
mit vorzüglicher
Hochachtung
Theodor vSosnosky
mit vorzüglicher
Hochachtung
Theodor vSosnosky
derzeit: Kremsmünster,
Ob-Oesterreich
24./I. 1901.
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