|dzt.
Kremsmünster,
22./6. 900.
Sehr geehrter Herr Doktor!
Soeben hab' ich Ihre liebenswürdige
Sendung erhalten; ich beeile mich, Ihnen dafür meinen
verbindlichsten Dank zu sagen und Ihnen die aufrichtige Versicherung zu geben, daß es
eine Überraschung war, die mich im Gegensatze zu den meisten Überraschungen – wirklich erfreut hat.
Wenn ich Ihnen hier
sage, daß mir das
Buch sehr gefallen hat,
so
könnte das ja eine höfliche Erwiderung Ihrer Liebenswürdigkeit
sein; daß es
aber die
reine Wahrheit i
st, kann Ihnen Herr
Schwarzkopf be
stätigen; er hat es wohl
schon gethan, und ich nehme an, daß mein ihm
vis à vis geäußertes unverhohlenes Entzücken über die
se
Skizzen der Anlaß Ihrer
so freundlichen
Sendung
war. Ich hatte Herrn
Schwarzkopf ja er
sucht, Sie von dem
|großen Erfolg zu ver
ständigen, den das
Buch bei mir gehabt hat,
denn ich hatte das Bedürfnis, Sie das wißen zu laßen, ob
schon ich keineswegs so
naiv-eitel war, zu glauben, daß mein Urteil für Sie von irgend einem Belang
sein
könne. Wie mir eben einfällt, könnte die
ser Herrn
Schwrzkpf gegebene Auftrag leicht als ein
e cachirter
Wink, mir das
Buch zu
senden,
aufgefaßt werden; ich kann Ihnen aber mein
Wort
geben, daß ich, als
↓ich↓ Herrn
Schw. bat, Ihnen meine An
sicht mitzuteilen, auch
nicht den lei
sesten derartigen Hintergedanken hatte. Dies geht auch daraus hervor,
daß ich, als Herr
Schwkpf mir, (bevor er mir
sein
Exemplar lieh) angetragen, mir Ihr
Buch durch Sie
selber zu ver
schaffen, dies
↓kurz↓ ablehnte, da ich als ein für Sie Stockfremder keinen Anspruch darauf
hätte.
So viel zur Rechtfertigung!
Über das
Buch bin ich der
An
sicht, daß es Ihr
bestes Werk i
st – (ich kenne alle
|Ihre gedruckten Sachen); ich bin nämlich
nicht
der An
sicht, das
seien graziöse pornographische Spielereien für
Herren-Abende,
sondern ich
sehe darin brillante Kabinetstücke eroti
scher Poe
sie, die
bleibenden großen Wert haben und es mehr verdienten, der Nachwelt erhalten zu bleiben
als
Boccaccios »
Decamerone« oder das »
Heptameron« der
Margarethe von Narvarra. Wie aus dem
Fortleben die
ser 2
Werke hervorgeht, haben gerade erotische Bücher die Anwartschaft auf
litterarische Langlebigkeit, das liegt in der erotischen Natur der Menschheit.
Wenn nun die Erotik in so überaus sinnreicher und graziöser Weise gehandhabt wird,
wenn die Frivolität bei allem Übermut auf so tiefgründiger Seelenkenntnis beruht, dann hört jede Berechtigung für die
freundliche Geringschätzung auf, die man sonst erotischen Novelletten
entgegenzubringen pflegt.
Ich habe Ihr
Buch das er
ste
Mal unter den
|gün
stig
sten Umständen gelesen: an demselben
Abend, an dem ich es erhalten,
saß ich allein beim
Conzert im
Volksgarten-Gebäude. Um mir die Zeit zu vertreiben, nahm ich das
Buch vor und begann zu le
sen, umklungen von
hüb
schen Melodien, umgeben von fröhlichen angeregten Men
schen, unter denen
sicher
manches »
süße Mädl« mit ihrem
»Freunde« und vielleicht auch manche Frau mit Gatten &
Hausfreund
saß. Es war das richtige Milieu, und ich konnte die Lektüre nicht laßen,
eh’ ich das
Buch beendet
hatte.
Es hielt aber auch die Probe aus, wo die
ses Milieu und die ent
sprechende Stimmung
fehlte: ich las es nämlich 2 Tage
später in
Alland meinem Freunde Director von
Weismeyr vor und fand de
nn er
sten Eindruck vollauf be
stätigt
und erzielte damit den voll
sten Erfolg. Welches Paar aus dem
Reigen mir am be
sten gefällt, weiß ich eigentlich
|nicht, vielleicht »
der Gatte und das süße Mädl«.
Daß Sie das
Buch – ich will
hoffen, nur
vorläufig – mit Aus
schluß der
Öffentlichkeit er
scheinen ließen, thut mir
sehr leid, in Anbetracht de
ssen, daß der
Verlag von
Langen die
stärk
sten
franz. Sachen bringt, glaube
ich gewiß, daß er Ihren reno
mmirten Namen mit Vergnügen
seinem
Verlage einverleibt
hätte. Ein
Bombenerfolg im Genre der »
Lettres des femmes«
scheint mir im Falle der Veröffentlichung
sicher gewe
sen zu
sein.
Ich weiß daher auch nicht, ob ich des
Werkes Erwähnung thun darf; ich habe nämlich eben einen
Auf
satz »
Das litterarische Wien« für die »
Norddeutsche allgemeine Ztg« unter der Feder, worin Sie, Herr Doktor,
natürlich eine Rolle
spielen; es wäre mir natürlich
sehr lieb, we
nn ich die
ses Ihr
Meisterwerk wenig
stens flüchtig
streifen dürfte; ohne Ihre
|ausdrückliche Einwilligung möchte ich’s aber nicht thun.
Schlu
sse will ich nur noch bemerken, daß ich bezüglich der
Anthologie, zu der Sie mir freundlicher
Wei
se einige
Gedichte zur Verfügung ge
stellt, noch nichts Definitives weiß; am
1. Mai gieng
sie an
Cotta ab, der
sich für
die
selbe intereßirte; seither sind
erst 1 ½ Monat
vergangen; Verleger aber haben es in der Regel nicht eilig.
Nochmals, geehrter Herr Doktor, meinen aufrichtigen Dank für die wirkliche
Freude, die Sie mir durch das
Buch und die
liebenswürdige Widmung
bereitet haben
Ihrem Sie hoch
schätzenden
Theodor vSosnosky