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Überlieferung

Versand  Empfang
Versand: 22. 6. 1900
Sosnosky, Theodor von
Kremsmünster
Empfang: [23. 6. 1900 – 27. 6. 1900?]
Schnitzler, Arthur
Wien
Textzeuge 1
Signatur D, Marbach am Neckar, Deutsches Literaturarchiv, A:Schnitzler, HS.1985.1.4640
Typ Brief
Beschreibung 2 Blätter, 6 Seiten, 4.645 Zeichen
Handschrift blaue Tinte, deutsche Kurrentschrift

Textqualität

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Empfohlene Zitierweise
Theodor von Sosnosky an Arthur Schnitzler, 22. 6. 1900. In: Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren. Digitale Edition. Herausgegeben von Martin Anton Müller mit Gerd Hermann Susen, Laura Untner und Selma Jahnke, https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L04227.html (Abfrage 18. 6. 2026)
Kurz-Identifier

Für gekürzte Zitate reicht die Angabe der Briefnummer aus, die eindeutig und persistent ist: »L04227«.

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Quelldaten

Die Quelldaten (TEI-XML) dieser Edition sind über Zenodo dauerhaft archiviert und zitierbar: DOI 10.5281/zenodo.20309129

Chronik

Freitag, 22. 6. 1900

Aufenthaltsorte
Tagebuch
Wiener Schnitzler
Weiteres

Theodor von Sosnosky an Arthur Schnitzler, 22. 6. 1900

|dzt. Kremsmünster, 22./6. 900.

Sehr geehrter Herr Doktor!

Soeben hab' ich Ihre liebenswürdige Sendung erhalten; ich beeile mich, Ihnen dafür meinen verbindlichsten Dank zu sagen und Ihnen die aufrichtige Versicherung zu geben, daß es eine Überraschung war, die mich im Gegensatze zu den meisten Überraschungen – wirklich erfreut hat.
Wenn ich Ihnen hier sage, daß mir das Buch sehr gefallen hat, so könnte das ja eine höfliche Erwiderung Ihrer Liebenswürdigkeit sein; daß es aber die reine Wahrheit ist, kann Ihnen Herr Schwarzkopf bestätigen; er hat es wohl schon gethan, und ich nehme an, daß mein ihm vis à vis geäußertes unverhohlenes Entzücken über diese Skizzen der Anlaß Ihrer so freundlichen Sendung war. Ich hatte Herrn Schwarzkopf ja ersucht, Sie von dem |großen Erfolg zu verständigen, den das Buch bei mir gehabt hat, denn ich hatte das Bedürfnis, Sie das wißen zu laßen, obschon ich keineswegs so naiv-eitel war, zu glauben, daß mein Urteil für Sie von irgend einem Belang sein könne. Wie mir eben einfällt, könnte dieser Herrn Schwrzkpf gegebene Auftrag leicht als ein cachirter Wink, mir das Buch zu senden, aufgefaßt werden; ich kann Ihnen aber mein Wort geben, daß ich, als ich Herrn Schw. bat, Ihnen meine Ansicht mitzuteilen, auch nicht den leisesten derartigen Hintergedanken hatte. Dies geht auch daraus hervor, daß ich, als Herr Schwkpf  mir, (bevor er mir sein Exemplar lieh) angetragen, mir Ihr Buch durch Sie selber zu verschaffen, dies kurz ablehnte, da ich als ein für Sie Stockfremder keinen Anspruch darauf hätte.
So viel zur Rechtfertigung!
Über das Buch bin ich der Ansicht, daß es Ihr bestes Werk ist – (ich kenne alle |Ihre gedruckten Sachen); ich bin nämlich nicht der Ansicht, das seien graziöse pornographische Spielereien für Herren-Abende, sondern ich sehe darin brillante Kabinetstücke erotischer Poesie, die bleibenden großen Wert haben und es mehr verdienten, der Nachwelt erhalten zu bleiben als Boccaccios »Decamerone« oder das »Heptameron« der Margarethe von Narvarra. Wie aus dem Fortleben dieser 2 Werke hervorgeht, haben gerade erotische Bücher die Anwartschaft auf litterarische Langlebigkeit, das liegt in der erotischen Natur der Menschheit.
Wenn nun die Erotik in so überaus sinnreicher und graziöser Weise gehandhabt wird, wenn die Frivolität bei allem Übermut auf so tiefgründiger Seelenkenntnis beruht, dann hört jede Berechtigung für die freundliche Geringschätzung auf, die man sonst erotischen Novelletten entgegenzubringen pflegt.
Ich habe Ihr Buch das erste Mal unter den |günstigsten Umständen gelesen: an demselben Abend, an dem ich es erhalten, saß ich allein beim Conzert im Volksgarten-Gebäude. Um mir die Zeit zu vertreiben, nahm ich das Buch vor und begann zu lesen, umklungen von hübschen Melodien, umgeben von fröhlichen angeregten Menschen, unter denen sicher manches »süße Mädl« mit ihrem »Freunde« und vielleicht auch manche Frau mit Gatten & Hausfreund saß. Es war das richtige Milieu, und ich konnte die Lektüre nicht laßen, eh’ ich das Buch beendet hatte.
Es hielt aber auch die Probe aus, wo dieses Milieu und die entsprechende Stimmung fehlte: ich las es nämlich 2 Tage später in Alland meinem Freunde Director von Weismeyr vor und fand denn ersten Eindruck vollauf bestätigt und erzielte damit den vollsten Erfolg. Welches Paar aus dem Reigen mir am besten gefällt, weiß ich eigentlich |nicht, vielleicht »der Gatte und das süße Mädl«.
Daß Sie das Buch – ich will hoffen, nur vorläufig – mit Ausschluß der Öffentlichkeit erscheinen ließen, thut mir sehr leid, in Anbetracht dessen, daß der Verlag von Langen die stärksten franz. Sachen bringt, glaube ich gewiß, daß er Ihren renommirten Namen mit Vergnügen seinem Verlage einverleibt hätte. Ein Bombenerfolg im Genre der »Lettres des femmes« scheint mir im Falle der Veröffentlichung sicher gewesen zu sein.
Ich weiß daher auch nicht, ob ich des Werkes Erwähnung thun darf; ich habe nämlich eben einen Aufsatz »Das litterarische Wien« für die »Norddeutsche allgemeine Ztg« unter der Feder, worin Sie, Herr Doktor, natürlich eine Rolle spielen; es wäre mir natürlich sehr lieb, wenn ich dieses Ihr Meisterwerk wenigstens flüchtig streifen dürfte; ohne Ihre |ausdrückliche Einwilligung möchte ich’s aber nicht thun.
Schlusse will ich nur noch bemerken, daß ich bezüglich der Anthologie, zu der Sie mir freundlicher Weise einige Gedichte zur Verfügung gestellt, noch nichts Definitives weiß; am 1. Mai gieng sie an Cotta ab, der sich für dieselbe intereßirte; seither sind erst 1 ½ Monat vergangen; Verleger aber haben es in der Regel nicht eilig.
Nochmals, geehrter Herr Doktor, meinen aufrichtigen Dank für die wirkliche Freude, die Sie mir durch das Buch und die liebenswürdige Widmung bereitet haben
Ihrem Sie hochschätzenden
Theodor vSosnosky
    Bildrechte © Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar