Sehr geehrter Herr Doktor!
Soeben hab' ich Ihre liebenswürdige
Sendung erhalten; ich beeile mich, Ihnen dafür meinen
verbindlichsten Dank zu sagen und Ihnen die aufrichtige Versicherung zu geben, daß es
eine Überraschung war, die mich im Gegensatze zu den meisten Überraschungen – wirklich erfreut hat.
Wenn ich Ihnen hier sage, daß mir das Buch sehr gefallen hat, so könnte das ja eine höfliche Erwiderung Ihrer Liebenswürdigkeit sein; daß es
aber die reine Wahrheit ist, kann Ihnen Herr Schwarzkopf bestätigen; er hat es wohl schon gethan, und ich nehme an, daß mein ihm vis à vis geäußertes unverhohlenes Entzücken über diese Skizzen der Anlaß Ihrer so freundlichen
Sendung war. Ich hatte Herrn Schwarzkopf ja ersucht, Sie von dem |großen Erfolg zu verständigen, den das
Buch bei mir gehabt hat,
denn ich hatte das Bedürfnis, Sie das wißen zu laßen, obschon ich keineswegs so
naiv-eitel war, zu glauben, daß mein Urteil für Sie von irgend einem Belang sein
könne. Wie mir eben einfällt, könnte dieser Herrn Schwrzkpf gegebene Auftrag leicht als ein cachirter
Wink, mir das Buch zu senden,
aufgefaßt werden; ich kann Ihnen aber mein Wort
geben, daß ich, als ich Herrn Schw. bat, Ihnen meine Ansicht mitzuteilen, auch
nicht den leisesten derartigen Hintergedanken hatte. Dies geht auch daraus hervor,
daß ich, als Herr Schwkpf mir, (bevor er mir sein Exemplar lieh) angetragen, mir Ihr Buch durch Sie selber zu verschaffen, dies kurz ablehnte, da ich als ein für Sie Stockfremder keinen Anspruch darauf
hätte.
So viel zur Rechtfertigung!
Über das Buch bin ich der
Ansicht, daß es Ihr bestes Werk ist – (ich kenne alle
|Ihre gedruckten Sachen); ich bin nämlich nicht
der Ansicht, das seien graziöse pornographische Spielereien für
Herren-Abende, sondern ich sehe darin brillante Kabinetstücke erotischer Poesie, die
bleibenden großen Wert haben und es mehr verdienten, der Nachwelt erhalten zu bleiben
als Boccaccios »Decamerone« oder das »Heptameron« der Margarethe von Narvarra. Wie aus dem
Fortleben dieser 2 Werke hervorgeht, haben gerade erotische Bücher die Anwartschaft auf
litterarische Langlebigkeit, das liegt in der erotischen Natur der Menschheit.
Wenn nun die Erotik in so überaus sinnreicher und graziöser Weise gehandhabt wird,
wenn die Frivolität bei allem Übermut auf so tiefgründiger Seelenkenntnis beruht, dann hört jede Berechtigung für die
freundliche Geringschätzung auf, die man sonst erotischen Novelletten
entgegenzubringen pflegt.
Ich habe Ihr Buch das erste
Mal unter den |günstigsten Umständen gelesen: an demselben
Abend, an dem ich es erhalten, saß ich allein beim Conzert im Volksgarten-Gebäude. Um mir die Zeit zu vertreiben, nahm ich das Buch vor und begann zu lesen, umklungen von
hübschen Melodien, umgeben von fröhlichen angeregten Menschen, unter denen sicher
manches »süße Mädl« mit ihrem
»Freunde« und vielleicht auch manche Frau mit Gatten &
Hausfreund saß. Es war das richtige Milieu, und ich konnte die Lektüre nicht laßen,
eh’ ich das Buch beendet
hatte.
Es hielt aber auch die Probe aus, wo dieses Milieu und die entsprechende Stimmung
fehlte: ich las es nämlich 2 Tage später in Alland meinem Freunde Director von Weismeyr vor und fand denn ersten Eindruck vollauf bestätigt
und erzielte damit den vollsten Erfolg. Welches Paar aus dem Reigen mir am besten gefällt, weiß ich eigentlich |nicht, vielleicht »der Gatte und das süße Mädl«.
Daß Sie das Buch – ich will
hoffen, nur vorläufig – mit Ausschluß der
Öffentlichkeit erscheinen ließen, thut mir sehr leid, in Anbetracht dessen, daß der
Verlag von Langen die stärksten franz. Sachen bringt, glaube
ich gewiß, daß er Ihren renommirten Namen mit Vergnügen
seinem Verlage einverleibt
hätte. Ein Bombenerfolg im Genre der »Lettres des femmes« scheint mir im Falle der Veröffentlichung sicher gewesen zu sein.
Ich weiß daher auch nicht, ob ich des Werkes Erwähnung thun darf; ich habe nämlich eben einen
Aufsatz »Das litterarische Wien« für die »Norddeutsche allgemeine Ztg« unter der Feder, worin Sie, Herr Doktor,
natürlich eine Rolle spielen; es wäre mir natürlich sehr lieb, wenn ich dieses Ihr Meisterwerk wenigstens flüchtig streifen dürfte; ohne Ihre
|ausdrückliche Einwilligung möchte ich’s aber nicht thun.
Schlusse will ich nur noch bemerken, daß ich bezüglich der Anthologie, zu der Sie mir freundlicher
Weise einige Gedichte zur Verfügung gestellt, noch nichts Definitives weiß; am 1. Mai gieng sie an Cotta ab, der sich für
dieselbe intereßirte; seither sind erst 1 ½ Monat
vergangen; Verleger aber haben es in der Regel nicht eilig.
Nochmals, geehrter Herr Doktor, meinen aufrichtigen Dank für die wirkliche
Freude, die Sie mir durch das Buch und die liebenswürdige Widmung bereitet haben
Ihrem Sie hochschätzenden
Theodor vSosnosky
Ihrem Sie hochschätzenden
Theodor vSosnosky
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