|dzt
Kremsmünster,
30 / I. 1901
Sehr geehrter Herr Doctor!
Anbei erlaube ich mir Ihnen ein Exemplar meiner
Anthologie zu über
senden, dem ich durch eine kleine
In
schrift einen per
sönlichern Charakter zu geben
so frei war.
Es i
st dies meine ur
sprüngliche Ab
sicht gewe
sen und das für Sie be
stimmte
Buch war
schon eingepackt und
adreßiert als
Cottas Brief
kam,
worin er die Ab
sendung an alle Autoren ankündigte, worauf ich meine Ab
sicht aufgab
und das
Buch anderweitig
verwendete. Da ich aber Ihrem
heute eingetroffenen liebenswürdigen
Briefe
entnehme, daß
Cotta noch nichts ge
sandt hat,
so
sende ich Ihnen per
sönlich ein
Buch; zugleich
|ver
ständigte ich
Cotta davon, damit Sie nicht durch ein
Duplikat belä
stigt werden.
Daß Ihnen mein
Essai in der
Nord. Allgem. zu Ge
sichte
geko
mmen, hat mich nicht wenig überra
scht, da das
Blatt in den
Wiener Cafés fa
st nirgend aufliegt; und Sie haben vom
Artikel sogar mehr gele
sen als
ich
selber, der ich bisher nur den
1. Teil erhalten habe.
Ich erhielt ihn – was fast romanhaft zufällig aussieht – an demselben Tage, an dem
ich Ihnen darüber geschrieben hatte.
Wenn er vollständig erschienen ist – es dürften 4 Teile werden – will ich mir erlauben, ihn Ihnen
als Ganzes zu übersenden mit der Bitte ihn zu behalten.
Sie dürfen, geehrter Herr Doktor, versichert sein, daß mein Urteil darin ganz ehrlich
meine Uberzeugung ist↓ausdrückt↓, und ich glaube, daß Ihr bescheidener |Einwand, es sei in Manchem zu günstig
ausgefallen, zu bescheiden ist; hab’ ich doch meine Bedenken, die allerdings nur sehr
vereinzelt sind, unumwunden, fast derb geäußert.
Ich bitte auch
eine Äußerung
, die ich am Schluße des ganzen
Essais gemacht habe, lediglich als
allgemeine Ansicht, nicht als
persönlich aufzufa
ssen. Nichts wäre mir peinlicher, als Sie zu verletzen.
(
Schwarzkopf kennt meine diesbezügl.
An
sichten
so ziemlich).
Der be
ste Gradme
sser für meine Hochschätzung Ihrer Kunst ist übrigens, wie mir
scheint, nicht
so
sehr meine Anerkennung in Worten als vielmehr die Folie, die Sie
durch die übrigen be
sprochenen
Autoren erhalten, die ich nichts weniger als
zart angefaßt und von denen mir nur einer wert ist –
Beer-Hofmann.
Mit dem Ausdrucke vorzüglicher
Hochachtung
Theodor vSonosky