9. 12. 92.
Mein hochverehrter Herr Doktor!
Auf das allerfreudig
ste wurde ich vor nun
cca 14 Tagen
durch das Eintreffen ihres Buches:
Anatol überra
scht, für de
ssen Sendung und liebenswürdige Widmung ich hiemit meinen
wärm
sten Dank aus
spreche.
Ich wollte nicht
schreiben, bevor ich das
Buch mit der Gründlichkeit u Aufmerksamkeit, wie es als
Ihre Arbeit verdient, gele
sen haben würde. Das i
st nun ge
schehen
|und ich kann Ihnen nur
sagen, daß ich
bedauere, zu Ende zu
sein. Es ist gei
streich von Anfang zum Schluße. Der
subtil
zer
setzende, wühlende, analy
sirende Gei
st, der das ganze durchdringt, das Gefühl zum
Sündenbock der Vernunft macht, erinnert lebhaft an
Maupassant mit dem Sie auch die Kraft und Prägnanz des Ausdrucks gemein
sam haben, –
während die dialogisierende Form in Ihrer
französischen Feinheit an
Gyp anklingt. Als die Perle der
Sammlung möchte ich »
Denksteine«
bezeichnen. Der Schluß i
st
|mei
sterhaft,
unerwartet, überwältigend – und
so p
sychologi
sch
berechtigt. — Einige Aphorismen möchte ich wirklich den be
sten
beste die ich kenne einreihen;
so
werden zB
↓dieses↓: »gewi
sse Arten den Wahrheit
sind nur die
Aufrichtigkeit ermüdeter Lügner«. Der Ausdruck: Hypochonder der Liebe, jener andere:
»leicht
sinniger Melancholiker« entzücken mich durch ihre Richtigkeit. Kurz, die
Lektüre i
st mir ein Genuß gewe
sen. Nehmen Sie meine aufrichtig
sten Complimente –
Was macht Ihr Stück: »
Das Märchen?« Ich habe nie
ver
säumt, in der
N.F.P unter den
»Theaternachrichten« danach zu
schauen, habe es aber, bis
|jetzt nicht finden können.
Ich
schicke diesen Brief auf Gut Glück an Ihre alte
Adresse, überzeugt daß er Ihnen
schließlich zukommen wird.
Bitte mir
Ihre
neue möglich
st umgehend mitzutheilen; ich möchte
Ihnen mein
soeben er
schienenes »
Oberlicht« auf
sichere Wei
se zukommen la
ssen. Auch würde ich Ihnen, be
ster Herr Doctor,
sehr für die
Angabe von
H. Bahrs Adre
sse verbunden
sein
.
Wir
sitzen hier in Wärme u Sonnen
schein, gehen ohne Mäntel aus, u le
sen mit
angenehmem Gruseln Berichte über Fro
st u Schneeverwehungen aus den Binnenländern.
Bitte grüßen sie mir herzl.
Salten,
Bahr,
Loris,
Beraton,
↓Beer-Hoffmann,↓ u die
andern Herrn
des »allerjüng
sten«
u la
ssen Sie
sich
selb
st
herzl. die Hand drücken von Ihrem in wirklicher Verehrung ergebnen