Hochgeschätzter Herrn Doktor!
Wenn ich für Ihre liebe Sendung erst heute danke, so bitte ich es nicht meiner Faulheit, noch weniger
meiner Indifferenz zuschreiben zu wollen. Ich kann sie ehrlich versichern, daß sie mir eine herzliche Freude u Überraschung bereitet hat.
Auch habe ich das Stück sofort
mit größtem Interesse gelesen, acht Tage später nochmals überlesen; und nur mit dem
Brief bin ich in einer Verspätung, die sie meiner jetzt ganz
besonders starken Arbeitsüberhäufung zu Gute halten werden.
Nehmen Sie, verehrter Herr Doktor, meine warme Gratulation; Sie haben da eine
prächtige Leistung zuwege ge|bracht. Ich
will nicht lobhudeln; es würde Sie von meiner Seite
gewiß nicht freuen, denn ich glaube, Sie erwarten
von mir nicht fade Complimente. Aber ich kann nur sagen: diese fein gedachte, unendlich zart durchgeführte,
psychologisch tiefe u jeder Effekthascherei aus dem Wege gehende Comödie muß unter die besten gerechnet werden, welche in dieser Art existiren. Der
Charakter der Fanny ist
geradezu meisterhaft gezeichnet, und dabei durch und durch wahr. Jener des Fedor hat für mich einige
Unverständlichkeiten, die ich mir seinerzeit von Ihnen, der ihn gewiss in jeder Weise
überdacht hat, mündlich erklären lassen werde; im ganzen u Großen erscheint er mir
als ein moderner Hamlet, voll
Fein|heit u voll Interesse. Die Mutter sehe ich leibhaftig vor
mir; ich kenne sie, so zu sagen. Die Nebencharaktere der beiden Gigerln sind voll
humanistischer, discret gezeichneter Pointen und von einer Unaufdringlichkeit, die
ich bewundern muß. Ich hätte mich absolut zu stärkerem Auftragen der Farben verleiten lassen; Sie haben die Charakterstärke
gehabt, diese Klippe zu umschiffen. Aus Wandel werde ich nicht recht klug; der Mann ist offenbar
ein kleinherziger Biedermeier; dabei hat
er aber gewisse edle Züge, welche Lächerlichkeit ausschließt. Ich glaube Sie haben
ihn eben nach der Natur gezeichnet, objectiv, ohne Voreingenommenheit. Kurz, ich kann nur mit Überzeugung
applaudiren.
Jetzt erlauben Sie mir aber zwei unverzeihliche kritische Bemerkungen, oder besser
Fragen. 1.) Glauben Sie nicht, |daß
etwas zu viele junge Leute auftreten? Werden sie
nicht, gleich alt, gleich (schwarz) gekleidet, also nothwendigerweise mit einer
gewissen gegenseitigen Ähnlichkeit behaftet, im Publicum eine Art Confusion
hervorbringen, das sich Zurechtfinden erschweren? Ich glaube, Sie hätten mindestens
zwei, insbesonders den
Bruder des Dr Witte eliminieren u ihre Rolle in die anderer
verweben können.
2.) Sind Sie überzeugt, daß das (große) Theaterpublicum die
Feinheit des Stückes, die
vornehme Enthaltsamkeit des Autors auffassen kann?
Ich kenne nicht das Publicum des Lessingtheaters, wünsche aber von Herzen,
es möge ein Elite-Publicum sein; dann wird der reichlichste, wärmste Beifall nicht
ausbleiben, wie ich ihn Ihnen von Herzen zolle, also wünsche.
Ihr »Lied des Alkandi« ist mir ans Herz gewachsen, doch |darüber mündlich nächsten Winter, in
welchem ich mir vornehme, Ihre sympathische, leider all zu spät gemachte
Bekanntschaft recht gründlich zu pflegen.
F. Salten hat mir wiederholt über Sie
geschrieben u damit einem regen Wunsche meinerseits Rechnung getragen. Er ist auch
ein charmanter u wertvoller Mensch. Könnten Sie mir nicht seine jetzige Adresse schicken? Es ist aus der Redaction
ausgetreten u hat vergessen mir mitzutheilen, wie ich ihm schreiben soll.
Ich arbeite noch immer an einem Roman, der im
März im neuen Wr Tagblatt erscheint. Er wird
mir schwer, denn ich betrete damit ein ganz neues Feld, die ewige Aristokraterei ist
mir für den Augenblick langweilig geworden, u. ich will nicht warten, bis sie es auch
dem Publicum wird.
|Nehmen Sie nochmals, bester Herr Doktor,
meinen herzlichen Dank für Buch u Widmung, u die Versicherung wahrster
Verehrung entgegen, womit ich bin
Ihr ganz ergebner
B. Torresani
B. Torresani
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