|Paris am 6. Februar 1892.

Hochgeschätzter Herrn Doktor!

Wenn ich für Ihre liebe Sendung erst heute danke, so bitte ich es nicht meiner Faulheit, noch weniger meiner Indifferenz zuschreiben zu wollen. Ich kann sie ehrlich versichern, daß sie mir eine herzliche Freude u Überraschung bereitet hat. Auch habe ich das Stück sofort mit größtem Interesse gelesen, acht Tage später nochmals überlesen; und nur mit dem Brief bin ich in einer Verspätung, die sie meiner jetzt ganz besonders starken Arbeitsüberhäufung zu Gute halten werden.
Nehmen Sie, verehrter Herr Doktor, meine warme Gratulation; Sie haben da eine prächtige Leistung zuwege ge|bracht. Ich will nicht lobhudeln; es würde Sie von meiner Seite gewiß nicht freuen, denn ich glaube, Sie erwarten von mir nicht fade Complimente. Aber ich kann nur sagen: diese fein gedachte, unendlich zart durchgeführte, psychologisch tiefe u jeder Effekthascherei aus dem Wege gehende Comödie muß  unter die besten gerechnet werden, welche in dieser Art existiren. Der Charakter der Fanny ist geradezu meisterhaft gezeichnet, und dabei durch und durch wahr. Jener des Fedor hat für mich einige Unverständlichkeiten, die ich mir seinerzeit von Ihnen, der ihn gewiss in jeder Weise überdacht hat, mündlich erklären lassen werde; im ganzen u Großen erscheint er mir als ein moderner Hamlet, voll Fein|heit u voll Interesse. Die Mutter sehe ich leibhaftig vor mir; ich kenne sie, so zu sagen. Die Nebencharaktere der beiden Gigerln sind voll humanistischer, discret gezeichneter Pointen und von einer Unaufdringlichkeit, die ich bewundern muß. Ich hätte mich absolut zu stärkerem Auftragen der Farben verleiten lassen; Sie haben die Charakterstärke gehabt, diese Klippe zu umschiffen. Aus Wandel werde ich nicht recht klug; der Mann ist offenbar ein kleinherziger Biedermeier; dabei hat er aber gewisse edle Züge, welche Lächerlichkeit ausschließt. Ich glaube Sie haben ihn eben nach der Natur gezeichnet, objectiv, ohne Voreingenommenheit. Kurz, ich kann nur mit Überzeugung applaudiren.
Jetzt erlauben Sie mir aber zwei unverzeihliche kritische Bemerkungen, oder besser Fragen. 1.) Glauben Sie nicht, |daß etwas zu viele junge Leute auftreten? Werden sie nicht, gleich alt, gleich (schwarz) gekleidet, also nothwendigerweise mit einer gewissen gegenseitigen Ähnlichkeit behaftet, im Publicum eine Art Confusion hervorbringen, das sich Zurechtfinden erschweren? Ich glaube, Sie hätten mindestens zwei, insbesonders den Bruder des Dr Witte eliminieren u ihre Rolle in die anderer verweben können.
2.) Sind Sie überzeugt, daß das (große) Theaterpublicum die Feinheit des Stückes, die vornehme Enthaltsamkeit des Autors auffassen kann? Ich kenne nicht das Publicum des Lessingtheaters, wünsche aber von Herzen, es möge ein Elite-Publicum sein; dann wird der reichlichste, wärmste Beifall nicht ausbleiben, wie ich ihn Ihnen von Herzen zolle, also wünsche.
Ihr »Lied des Alkandi« ist mir ans Herz gewachsen, doch |darüber mündlich nächsten Winter, in welchem ich mir vornehme, Ihre sympathische, leider all zu spät gemachte Bekanntschaft recht gründlich zu pflegen.
F. Salten hat mir wiederholt über Sie geschrieben u damit einem regen Wunsche meinerseits Rechnung getragen. Er ist auch ein charmanter u wertvoller Mensch. Könnten Sie mir nicht seine jetzige Adressschicken? Es ist aus der Redaction ausgetreten u hat vergessen mir mitzutheilen, wie ich ihm schreiben soll.
Ich arbeite noch immer an einem Roman, der im März im neuen Wr Tagblatt erscheint. Er wird mir schwer, denn ich betrete damit ein ganz neues Feld, die ewige Aristokraterei ist mir für den Augenblick langweilig geworden, u. ich will nicht warten, bis sie es auch dem Publicum wird.
|Nehmen Sie nochmals, bester Herr Doktor, meinen herzlichen Dank für Buch u Widmung, u die Versicherung wahrster Verehrung entgegen, womit ich bin
Ihr ganz ergebner
B. Torresani
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