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Überlieferung

Versand  Empfang
Versand: 24. 6. 1901
Rilke, Rainer Maria
Westerwede
Weiterleitung: Wien
Empfang: [zwischen 26. 6. 1901 und 4. 7. 1901
Schnitzler, Arthur
St. Anton am Arlberg
Textzeuge 1
Signatur GB, Cambridge, University Library, Schnitzler, B 84
Typ
Beschreibung 1 Blatt, 3 Seiten, 2.883 Zeichen
Handschrift schwarze Tinte, deutsche Kurrentschrift
Zufügungen
Schnitzler mit rotem Buntstift eine Unterstreichung
Veröffentlichung 1
Rainer Maria Rilke und Arthur Schnitzler. Ihr Briefwechsel. Mit Anmerkungen herausgegeben von Heinrich Schnitzler In: Wort und Wahrheit, Jg. 13, Nr. 4, April 1958, S. 282–298, hier S. 286–287.
Veröffentlichung 2
Rainer Maria Rilke und Arthur Schnitzler. Ihr Briefwechsel. Mit Anmerkungen herausgegeben von Heinrich Schnitzler In: Wort und Wahrheit, Jg. 13, Nr. 4, April 1958, S. 282–298, hier S. 288–289.
Veröffentlichung 3
Rainer Maria Rilke: Briefe in zwei Bänden. Herausgegeben von Horst Nalewski. Frankfurt am Main, Leipzig: Insel 1991, S. XXXX.
Veröffentlichung 4
Rainer Maria Rilke: Briefe zur Politik. Herausgegeben von Joachim W. Storck. Frankfurt am Main, Leipzig: Insel 1992, S. XXXX.

Textqualität

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Zitieren

Empfohlene Zitierweise
Rainer Maria Rilke an Arthur Schnitzler, 24. 6. 1901. In: Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren. Digitale Edition. Herausgegeben von Martin Anton Müller mit Gerd Hermann Susen, Laura Untner und Selma Jahnke, https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L04399.html (Abfrage 11. 9. 2026)
Kurz-Identifier

Für gekürzte Zitate reicht die Angabe der Briefnummer aus, die eindeutig und persistent ist: »L04399«.

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Quelldaten

Die Quelldaten (TEI-XML) dieser Edition sind über Zenodo dauerhaft archiviert und zitierbar: DOI 10.5281/zenodo.20309129

Chronik

Montag, 24. 6. 1901

Aufenthaltsorte
Tagebuch
Briefe mit Autorinnen und Autoren
Schnitzler/Bahr
Wiener Schnitzler
Weiteres

Rainer Maria Rilke an Arthur Schnitzler, 24. 6. 1901

am 24. Juni 1901.

Sehr verehrter Doctor Schnitzler,

ich habe den »Lieutenant Gustl« schon aus der »N. Fr. Presse« gekannt; dennoch bin ich recht aufrichtig froh, diese eigenthümliche Novelle durch Ihre Güte nun auch als Buch zu besitzen.
Die Form isso überaus gut gewählt, oder eben vielmehr nicht gewählt, sondern an den Stoff gebunden, der von einer anderen Seite, d.h. von mehreren Außenpunkten her gesehen, an Gewalt und Einheitlichkeit nothwendig verloren hätte. Hätte der Verfasser selbst die Erzählung geführt, wäre er seinem Helden gegenüber oft in Verlegenheit gekommen, er hätte vorsichtig sich bewegen müssen, um nicht fortwährend über dessen schmale Persönlichkeit hinauszugreifen. Durch die gewählte Form aber ist die Enge und Begrenztheit des Helden im besten Sinn der Wirkung dienstbar gemacht, indem auf dem beschränkten Schau|platze sich Alles vollziehen muss, das Äußere und das Innere, so dass alle Ereignisse wie Erscheinungen eines bestimmten Innenlebens sich dort zu begegnen scheinen. So kommt es, dass Lieutenant Gustl interessant und bis zu gewissem Grade als Schauplatz eines Schicksals erscheint, das viel größer als das seine sich anfühlt. Mit dem Willen und Bewusstsein des Dramatikers ist hier viel erreicht. Erscheinungen, die kaum sichtbar geworden wären, sind für diese innere Schaubühne gewonnen; der Strom Leben ist gebogen und gezwungen worden, durch dieses enge Flussbett durchzufließen, wobei denn ein großes Rauschen geschieht. . .  Darin liegt der Wert des »Lieutenant Gustl«. Man kann natürlich eine Tendenz drinnen erkennen und eine Auflehnung und eine Überlegenheit,1 wenn man nicht über die Fabel hinaus in die Tiefe sondiert.
Dass eine gewisse offizielle Meinung nicht einmal bis zur ersten Tiefe kam, ist bedauerlich, aber keineswegs erstaunlich. Es kommt bei alledem im »Lieutenant Gustl« etwas zum Ausdruck, was man in Oesterreich schwer verträgt: eine Verurtheilung jeder Lebensspielerei und ein Bedürfnis nach Ernst, welches den bevorzugten Ständen jedesmal, wo es auch auftreten mag, als Gefahr er |scheint und als Angriff. Wenn eine Gemeinschaft, die sich so eng fasst und so ängstlich schließt, schließlich merkt, dass man außerhalb ihres Kreises steht und das laut erklärt, ist das für sie auch ein Fortschritt, eine Zunahme an Einsicht, über welche jeder unbetheiligte Beobachter sich freuen kann.
Es ist viel Wehleidigkeit in unserem Vaterlandeso dass, wenn einer sich nur einmal frei bewegt, alle Nachbaren, an die er rührt, sich geschlagen fühlen!
Nun es verlohnt nicht, mehr als das Allernächstliegende dabei zu sagen.
Nochmals meinen herzlichsten Dank! Ich schicke Ihnen in diesen Tagen zwei Sonderhefte mit Versen. Eines ist in Prag erschienen, eines in München; denn ich habe nichts anderes im Augenblick, um Ihre liebe Gabe zu erwidern als jene Flugblätter und natürlich dieses:
Die herzlichste Zuneigung
Ihres sehr ergebenen:
RainerMariaRilke
  1. 1 oder wenn man kein Gutes Gewissen hat –
Bildrechte © University Library, Cambridge