ich habe den »Lieutenant Gustl« schon aus der »N. Fr. Presse« gekannt; dennoch bin ich recht aufrichtig froh, diese eigenthümliche Novelle durch Ihre Güte nun
auch als Buch zu besitzen.
Die Form ist so überaus gut gewählt, oder eben vielmehr nicht gewählt, sondern an den
Stoff gebunden, der von einer anderen Seite, d.h. von mehreren Außenpunkten her
gesehen, an Gewalt und Einheitlichkeit nothwendig verloren hätte. Hätte der Verfasser selbst die Erzählung geführt,
wäre er seinem Helden gegenüber oft in Verlegenheit gekommen, er hätte vorsichtig sich bewegen müssen, um nicht fortwährend über dessen schmale Persönlichkeit
hinauszugreifen. Durch die gewählte Form aber ist die Enge und Begrenztheit des
Helden im besten Sinn der Wirkung dienstbar gemacht, indem auf dem beschränkten
Schau|platze sich Alles vollziehen muss, das Äußere und das Innere, so
dass alle Ereignisse wie Erscheinungen eines bestimmten
Innenlebens sich dort zu begegnen scheinen. So kommt es, dass Lieutenant Gustl interessant und bis zu gewissem Grade als Schauplatz eines Schicksals erscheint, das viel größer als
das seine sich anfühlt. Mit dem Willen und Bewusstsein des Dramatikers ist hier viel
erreicht. Erscheinungen, die kaum sichtbar geworden wären, sind für diese innere
Schaubühne gewonnen; der Strom Leben ist gebogen und gezwungen worden, durch dieses
enge Flussbett durchzufließen, wobei denn ein großes Rauschen geschieht. . . Darin liegt der Wert des »Lieutenant Gustl«. Man kann natürlich eine Tendenz drinnen erkennen und eine Auflehnung und eine
Überlegenheit,1 wenn man nicht über die Fabel hinaus in die Tiefe sondiert.
Dass eine gewisse offizielle Meinung nicht einmal bis zur ersten Tiefe kam, ist
bedauerlich, aber keineswegs erstaunlich. Es kommt bei alledem im »Lieutenant Gustl« etwas zum Ausdruck, was man in Oesterreich schwer verträgt: eine Verurtheilung jeder Lebensspielerei und ein Bedürfnis nach Ernst, welches den bevorzugten Ständen
jedesmal, wo es auch auftreten mag, als Gefahr er |scheint und als Angriff. Wenn eine
Gemeinschaft, die sich so eng fasst und so ängstlich schließt, schließlich merkt,
dass man außerhalb ihres Kreises steht und das laut erklärt, ist das für sie auch ein
Fortschritt, eine Zunahme an Einsicht, über welche jeder unbetheiligte Beobachter sich freuen kann.
Es ist viel Wehleidigkeit in unserem Vaterlande, so dass, wenn einer sich nur einmal frei bewegt, alle Nachbaren,
an die er rührt, sich geschlagen fühlen!
Nun es verlohnt nicht, mehr als das Allernächstliegende dabei zu sagen.
Nochmals meinen herzlichsten Dank! Ich schicke Ihnen in diesen Tagen zwei
Sonderhefte mit Versen. Eines ist in
Prag erschienen, eines in München; denn ich habe nichts anderes im Augenblick, um Ihre liebe Gabe zu erwidern als
jene Flugblätter und natürlich
dieses:
Die herzlichste Zuneigung
Ihres sehr ergebenen:
RainerMariaRilke
Ihres sehr ergebenen:
RainerMariaRilke
- 1 oder wenn man kein Gutes Gewissen hat –
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