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Überlieferung

Versand  Empfang
Versand: 14. 1. 1902
Rilke, Rainer Maria
Westerwede
Empfang: [15. 1. 1902 – 17. 1. 1902?]
Schnitzler, Arthur
Wien
Textzeuge 1
Signatur D, Marbach am Neckar, Deutsches Literaturarchiv, A:Schnitzler, 96.60.59
Typ Brief
Beschreibung 2 Blätter, 3.617 Zeichen
Handschrift ,
Zufügungen
Ordnung Die Originale zweier Briefe und einer Karte von Rilke an Schnitzler fehlen in der Überlieferung im Nachlass Schnitzlers. Die Karte ist diese: Rainer Maria Rilke an Arthur Schnitzler, [Ende 1901]. Der vorliegende Briefe wird von Heinrich Schnitzler in der ersten Edition (S. 293) als in seinem Privatbesitz befindlich ausgewiesen. Im März 1996 wurde er vom Auktionshaus Stargardt verkauft (Nr. 663, S. 117, Nr. 310) und vom Deutschen Literaturarchiv Marbach erstanden.
Veröffentlichung 1
Rainer Maria Rilke und Arthur Schnitzler. Ihr Briefwechsel. Mit Anmerkungen herausgegeben von Heinrich Schnitzler In: Wort und Wahrheit, Jg. 13, Nr. 4, April 1958, S. 282–298, hier S. 290–291.

Textqualität

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Zitieren

Empfohlene Zitierweise
Rainer Maria Rilke an Arthur Schnitzler, 14. 1. 1902. In: Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren. Digitale Edition. Herausgegeben von Martin Anton Müller mit Gerd Hermann Susen, Laura Untner und Selma Jahnke, https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L04542.html (Abfrage 11. 9. 2026)
Kurz-Identifier

Für gekürzte Zitate reicht die Angabe der Briefnummer aus, die eindeutig und persistent ist: »L04542«.

Wikipedia-Vorlage
{{Internetquelle |url=https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L04542.html |titel=Rainer Maria Rilke an Arthur Schnitzler, 14. 1. 1902 |werk=Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren |hrsg=Martin Anton Müller mit Gerd-Hermann Susen, Laura Untner und Selma Jahnke |sprache=de |datum=1902-01-14 |abruf=2026-09-11 }}
Quelldaten

Die Quelldaten (TEI-XML) dieser Edition sind über Zenodo dauerhaft archiviert und zitierbar: DOI 10.5281/zenodo.20309129

Chronik

Dienstag, 14. 1. 1902

Aufenthaltsorte
Briefe mit Autorinnen und Autoren
Wiener Schnitzler
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Weiteres

Rainer Maria Rilke an Arthur Schnitzler, 14. 1. 1902

Mein verehrter Arthur Schnitzler,

es muß ein schöner Abend gewesen sein in Berlin! Soweit man das aus dem Zeitungsdeutsch erkennen konnte, hab’ ich es erkannt und aus einer geschickteren Besprechung kann ich sogar die Art der »letzten Masken« vermuthen!
Indessen: ich habe heute von etwas Anderem zu sprechen, von etwas Schwerem, das mich betroffen hat, nicht ganz unerwartet, aber immerhin mit jener Gewaltsamkeit, die jede Wirklichkeit vor dem Gefürchteten voraus hat.
Sie wissen, daß ich mir erst ganz kürzlich ein Heim in dieser Einsamkeit geschaffen habe und daß meine Hoffnung war, in der Stille dieses Heims, einige Fortschritte zu machen, die ich jetzt kommen fühlte und die mich in meiner neuen, geründeten und durch ihre Geschlossenheit wahrhaften Welt bereiter finden sollten und fähiger mit ihnen zu gehen. Nun will es ein Verhängnis, daß ich gerade jetzt einen Zuschuß verliere, von dem wir fast ausschließlich gelebt haben, (denn meine Bücher und Arbeiten tragen, trotz jahrelanger Bemühungen, so gut wie nichts —) — so daß ich, da ein Verdienen von hier aus, das nur durch die vertrauensvolle Hülfe eines Verlegers möglich gewesen wäre, — ausgeschlossen ist, alles verlassen und in die Fremde gehen muß, mir und den meinen Brot zu holen. Denken Sie meine Bestürzung: der Zusammenhang mit der Zeit fehlt mir ganz, den fast jede Beschäftigung, die Geld einbringt, verlangt und ich weiß, daß es für meine Kunst keine größere Feindschaft giebt als die Zeit, das Tägliche . . .  das Allzutägliche! Trotzdem muß etwas gefunden werden, bald, besser heute, als morgen, und ich kann froh sein, wenn es etwas ist, was mir ermöglicht meinen Weg nicht ganz aufzugeben, ihn wenigstens mit den Augen festzuhalten, wenn auch die Hände eine Weile von ihm lassen müssen. Ich habe mich in diesen Tagen der Angst nach mehreren Seiten gewandt, und es ist nicht unmöglich, daß ich nach Wien komme, um dort eine Korrespondenz für eine Zeitschrift zu übernehmen. Dieser Posten würde aber nicht genügen und ich müßte nebenbei noch andere regelmäßige Korrespondenzen und Mitarbeiterschaften ev. auch an Zeitungen im Ausland oder im übrigen Oesterreich übernehmen dürfen (Gebiet: bildende Künste, Litteratur, ev. auch Theater. . . ) wenn mir damit wirklich gedient sein soll. Ich schreibe Ihnen jedenfalls wie sich die Sache mit dem Korrespondentenposten entwickelt und bitte Sie, wenn Sie gelegentlich (was doch leicht möglich ist) von Vakanzen hören, sich meiner zu erinnern: Sie thun mir |einen großen Dienst, verehrter Herr Schnitzler. Ich stehe mit meinen Lieben an diesem bösen Kreuzweg im argen Winde und warte wohin die Nothwendigkeit mich drängt, herzlich bereit, aus dem Leben, das sie mir zumuthet, mein Leben zu machen.
Meine Lieben, (d. h. meine Frau und unsere kleine Tochter) bleiben im Westerweder Hause zurück; trotzdem fiele die Nothwendigkeit eines getrennten Hausstandes pekuniär nicht arg ins Gewicht, weil das Leben hier ungewöhnlich billig ist und beide Haushalte lange nicht so viel kosten würden, wie ein gemeinsames Wohnen in dem theueren Wien. Auch hängt die Kunst meiner Frau zu sehr mit diesem Lande zusammen, als daß ich ihr jetzt eine Trennung davon zumuthen dürfte. Es bleibt also nur ein einziger, schmerzhafter Ausweg. Nun hoffe ich, daß ich den Posten in Wien bekomme, denn ich würde gern in Wien sein und glaube wohl, daß ich mir da auch Raum schaffen und Gutes leisten könnte! Sie hören bald mehr und inzwischen wissen Sie mir vielleicht auch einen bestimmten Rath zu geben … daran zu denken, daß ich Ihnen nahe wäre, hat viel Schönes und Liebes für mich!
Ihr:
Rainer Maria Rilke
    Bildrechte © Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar