lieber Arthur,
an Ihrem guten und lieben Brief stört mich nur die Nachricht, wie viel Arbeit Sie
sich jetzt zumuthen wollen. Deshalb wünsche ich für Sie sosehr den äußeren Erfolg,
den Sie als Künstler vor sich selbst und vor uns gewiss nicht nothwendig haben, damit sich die Perspectiven, in denen Sie selbst und Ihr Vater Ihr äußeres Leben, Ziele,
Pflichten und Stil der Lebensführung, anschauen,
endlich ändern. Vorläufig ist es ja sehr gut, dass Sie nachts schaffen und so reich
und lebhaft aufnehmen können, wie Ihre Hebbeleindrücke dies zeigen. Gewiss ist Hebbel ein sehr großer, tiefer und reicher Geist, mit den innerlichsten und
eindringendsten |Anschauungen vom
Wesen der Naturdinge und des Menschen, aufwühlend und anregend wie keiner sonst,
sodass sich einem die geheimsten, sonst erstarrten inneren Tiefen regen und das
eigentlich Dämonische in uns, das naturverwandte, dumpf und berauschend mittönt. Eine
Überschrift bei Goethe irgendwo: »Urworte; orphisch« suggeriert mir immer den Duft
der Poesie Hebbels.
Ich habe mich vor einer gewissen inneren Öde und Abspannung in die Tragödie gerettet; eine 5 actige Renaissancetragödie,
dramatisierte Novelle, äußerlich im Stil von Romeo u.
Julie, für die wirkliche brutale Bühne gearbeitet, mit |großem, schlankem Aufbau und
grellen Farbenflecken, Freskotechnik; ich hoffe vorläufig noch genug lebendige
Psychologie in mir zu haben, um das große Gerippe mit lebendigem Fleisch zu
umkleiden; ich arbeite ohne Scenarium, mit einzelnen, suggestiven Notizen;
geschrieben habe ich bis jetzt ein paar Scenen aus dem 2ten und eine aus dem 5ten Act; das ist zwar
nicht viel aber ich sehe alles andere recht deutlich und arbeite leicht. Was mich
lockt und worauf ich eigentlich innerlich hinarbeite, ist die eigenthümlich
dunkelglühende, dionysische Lust im Erfinden und Ausführen tragischer Menschen in
tragischen Situationen; diese Lust, deren symbolisches Aequivalent etwa das Anhören
|feierlicher,
prunkvoll-trauriger Musik ist oder das Anschauen mancher Bilder der Renaissance, mit dunkelgoldnen Panzern und blassen schönen
Profilen auf sehr finsterem Grund. Es wäre sehr schön, wenn Octobernachmittage
würden, mit diesen zwei Lesepremièren. Wie weit ist die Familie? Richard schreibt mir, ungern und nur weil er von Papas Krankheit gehört hat;
er ist verstimmt, arbeitet aber doch an einer seiner Novellen. Wann ist Ihre Waffenübung? was
ist es mit der Verlagsanstalt für Anatol? lassen
Sie sich doch ja nicht durch ganz gleichgiltige Misserfolge vom Weitersuchen
abschrecken. Bitte, schreiben Sie mir bald, Briefe bekommen ist hier das
lustigste.
Loris.
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