2. März 1900.
mein lieber Richard, vorgestern Abend bin ich hier angekommen, ich wollte dem
Frühling entgegenfahren – und seit gestern schneit und friert es. Immerhin ist es in den Mittagstunden schön. Heut sowohl als
gestern bin ich nahezu 6 Stunden spazieren gegangen. Weniger lang |schrieb ich an der Novelle, für die ich keinen Namen habe.
Ihre hab’ ich in 2 Etappen gelesen,
die ersten 2 Capitel in der Eisenbahn, die letzten 2 gestern Abend auf meinem Zimmer (3.
außer 4. im Bett) Also glauben Sie mir: es ist ein wundervolles Buch. Man hat allerdings das Gefühl, als wenn die
aneinandergereihten Edelsteine nicht auf einer Schnur, |sondern auf einem Zwirnsfaden – oder gar nur in der Luft aneinandergereiht wären –
aber
man muss nicht alles als Kette um den Hals tragen können. Im vierten Kapitel steckt übrigens irgend wo ein frecher Schwindel – das
dürfte Ihnen nicht unbekannt sein. Sie setzen sich sozusagen plötzlich an eine andre
Orgel, die auch herrlich klingt – |aber das beweist
nichts. – Nicht überall scheint es mir geglückt, dass gegenwärtiges und erinnertes sich
gegeneinander abhebt, wie es soll; dass man das Bedürfnis hat, das Buch wieder zu lesen ist ja sehr schön; aber dss man es entschieden 2–3 Mal lesen muss, ist vielleicht ein Fehler. Ihre Bilderpracht schreit
nach Jamben |und nach Drama. Ja es verlangt mich geradezu,
einige von Ihren Vergleichen in Ihren Stücken wiederzufinden und sie auf der Bühne sprechen zu hören. – Wunderbar ist, wie scheinbar belanglose Details zu ihrer Zeit
ausgenützt und nachträglich voll Belang erscheinen. Das gibt den gewissen Schauer.
Überhaupt: meiner |Empfindg nach steckt viel mehr
Dichterisches in dem Buch als, wie
gewiss vielfach behauptet werden wird, Verstand. Sie wissen wie ich das meine. So
gescheidt ist bald einer – aber die Dinge so sagen – ! Um
Goethe zu variiren: Alles gescheidte ist schon einmal gesagt worden: man
muss nur versuchen, es – ganz anders zu
sagen. |Und »ma foi« das haben
Sie gethan. –
Während ich dieses schreibe sitze ich allein im Speisesaal, abends 9 Uhr.
Außer mir lebt hier nemlich nur ein (noch) älterer Herr. Montag fahr ich wohl wieder
nach
Wien. Ich sehn mich nach niemandem – niemand sehnt sich nach mir. Das ist nicht senti|mental – sondern das ist
eben so. Heut vor einem Jahr war alles noch so anders – und doch schwebte es schon über uns. . Ja ja, es schwebt immer. . . »Zeit ist nur ein Wort –« Könnte von
Ihnen, von Hugo und von mir (und
etlichen andern) sein. Zufällig sagt es Beatrice. –
Wie lang denken Sie noch auf Reisen zu sein? Ich schicke |diesen Brief nach Florenz, wo ich Sie, glücklicher
und wenn Sie wünschen weniger witzig als in Sanremo vermuthe. – Mirjam hoff ich so lustig als sie
war und Ihre Frau so erholt, als
man es von italienischer Luft erwarten sollte. –
Von Hugo weiss ich noch immer nichts, und Gustav |hab ich von Ihnen gegrüßt. Thun Sie das gleiche von mir an
Mayer, wenn er schon mit Ihnen zusammengestoßen ist (– was hoffentlich nicht weh gethan hat.)
Leben Sie wohl!
Ihr Arthur
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