Hochverehrter Herr Doktor!
Ich habe heute früh zu meiner freudigen Überraschung Ihren Dr Gräsler zugestellt erhalten und beeile mich, Ihnen, obwohl ich nur erst wenige Seiten
lesen konnte, herzlichst für Ihre liebenswürdige Sendung und Widmung zu danken.
Ich wollte in den nächsten Tagen bei Ihnen anfragen, ob Ihnen ein Besuch angelegen
käme (die Anfrage verschob ich aus einem einigermaßen kindischen Grunde: vorerst sollte nämlich eine lange Komödie – wenn man’s so nennen darf – im
ersten Entwurf fertiggestellt sein, aber die letzte Szene, die allerdings ein schwieriges Unge|heuer ist, dehnt sich und streckt sich und will nicht zum Schluß kommen). Nun aber frage ich doch an, ob ich wieder
einmal bei Ihnen erscheinen darf? Bevor ich auf Urlaub ging, sprach ich einmal bei
Ihnen vor, traf Sie aber leider nicht an.
Über meine jetzige amtliche Tätigkeit läßt der Gerichtssaalberichterstatter manchmal etwas verlauten: ich kämpfe tagaus tagein mit der Preistreiberei, von Arbeit
überhäuft, mit gutem Willen, aber in dem vollkommenen Gefühle, ich mag nicht sagen,
der Don Quixoterie, (denn es handelt sich weder um Windmühlen noch um
harmlose Barbiere) aber doch lächerlicher Ohnmacht. An Bildern, die Art dieses
Kampfes darzustellen, kann’s ja nicht fehlen: Peitschen des Meeres, Salzbestreuen des
Schwanzes, Hüten von Ameisen. Die Preise steigen mit unheimlicher Konsequenz und
unsereins wandelt ihnen mißbilligend nach |und
versichert ihnen immer wieder, sie hätten nicht gut daran getan zu steigen und sie sollten es wenigstens jetzt unterlassen. Man spielt die lahme Gouvernante wilder
Kinder, die den Trieben der Natur folgen. Wenn es nur wenigstens irgend einen Weisen
gäbe, der Herr des großen Geheimnisses wäre: was denn eigentlich Preistreiberei sei?
an welchem sicheren Kainszeichen man die »offenbar übermäßigen« Preise erkennen und
von den unschuldigen nicht übermäßigen, sondern bloß exorbitanten Preisen
unterscheiden können? Aber: »Gefühl ist alles« –
Dauert dieser Kriegszustand der Jurisprudenz noch lange an, so könnte neben dem
Lächeln der Auguren jenes andere verzweiflungsvolle Lächeln berühmt werden, mit dem
während einer Preistreibereiverhandlung der Angeklagte den Verteidiger, der
Verteidiger den Staatsanwalt, dieser den Richter und der Richter den Angeklagten
ansieht: »Vielleicht bist du |klüger als ich – oder am
Ende auch nicht?« Man möchte vermuten, daß wenigstens die Preistreiber selbst sich darüber klar sein müßten, ob sie Preistreiber seien: aber auch diese Vermutung ist kaum zutreffend. –
Verzeihen Sie, daß ich Sie mit Berufsklagen langweile; aber in dieser Zeit, da ich
von allen Seiten nur Lebensmittelklagen höre, scheinen mir jene noch die
erfreulichste Art zu sein. Und über’s Jammern kommt man jetzt ja doch nicht
hinaus. –
Nochmals, hochverehrter Herr Doktor, meinen herzlichsten Dank und die ergebensten
Grüße!
Ihr
Robert Adam
Robert Adam
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