Verehrter lieber Herr Doktor, vielen Dank für Ihren guten Brief. Es liess mir doch keine Ruhe, ehe ich nicht Ihren Doktor Gräsler noch einmal gelesen hatte und ich zögere
nicht, zu bekennen, dass das Unverstehen des Schlusses mein Fehler war. Ich fühle
jetzt besser: dass diese scheinbare Episodenreihe (als die ich das Buch zuerst
empfand) der concentrierte Lebenszustand dieses Menschen ist, das einzige Dasein im
höheren Sinn der Spannung zwischen einer gleichgiltigen Vergangenheit und Zukunft.
Und ich empfinde jetzt erst, nachdem ich nicht mehr so hitzig zu Ende las, die ganze
|künstlerische Plastik seiner
Pychologie. Freilich, wie ist sie verborgen, wie wenige werden spüren, dass hier der
Anker bis in die Untiefe, ins letzte Geheimnis der Lebensangst gelegt ist und werden
meinen – wie ja ich selbst zuerst – das Schiff steure ein wenig willkürlich auf
seiner Strömung! Es ist mit solcher Noblesse das Ungesagte gesagt und das Gesagte
wieder um seine Härte gebracht, dass ich mich im Sinne der höhern Gerechtigkeit (von
der wir doch einzig den fruchtbaren Dank haben) unendlich freue, noch einmal dies
Buch begonnen und beendet zu
haben. Dass Sie, wie schon in der letzten Novelle, dem einsti|gen allzu wienerischen Milieu ausgewichen sind, das gesellschaftliche Problem als
geringes gegenüber dem blutmässigen, tiefinnersten empfinden, spüre ich mit geradezu
persönlicher Dankbarkeit. Ich weiss nicht, ob ich
es trotz meiner grossen und nie gebeugten menschlichen Verehrung vermocht hätte,
Ihrem Werke auf die Dauer treu zu bleiben, wenn es im
bourgeoisen, oft typisch wienerischen Problem sich begrenzt hätte. Ich habe an Ihrem Werk immer die
Bücher am meisten geliebt, wo der Inhalt ein allmenschlicher, allgiltiger war (Frau Berta Garlan, Reigen, Ruf des Lebens,
die letzten Novellen) und
bin so glücklich, dass diese Verinnerlichung |in den letzten Jahren so fortschreitet,
in denselben Jahren, in denen sie bei den meisten abzunehmen pflegt. Dass Ihnen heute
künstlerisch nur mehr wichtig ist, was menschlich wichtig ist: das Blutproblem, die
Gefühle des nackten, nicht bloss des socialen Menschen scheint mir Verheissung und Erfüllung. Die
Bourgeoisie ist mit allen ihren Problemen im letzten, glaube ich, unfruchtbar, es sei denn, dass
man sie mit dem Hass und der Verachtung anfasst, die sie verdient. Darüber bin ich
persönlich in diesem Kriege ganz klar geworden und gerade an den Besten wie Werfel, spüre ich diese Wahrheit bestätigt.
Mein Buch zögert und zögert noch: ich
habe nur Bühnenexemplare. Aber in paar Tagen ist es doch in Ihren Händen!
Mit vielen Grüssen Ihr getreuer
Stefan Zweig
Stefan Zweig
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