mein lieber und verehrter Freund, Sie haben mich während Ihres
diesmaligen Aufenthalts in Wien »nicht
heiter« gefunden, – und so muß ich fast befürchten, daß Sie nicht ganz bemerkt
haben, wie glücklich mich Ihre Anwesenheit gemacht hat und wie froh ich war, daß
Sie mir Ihre Sympathie – eines der Geschenke, für die ich dem Schicksal
besonders dankbar bin – all die Jahre hindurch, die wir einander schon kennen,
ungehindert erhalten haben. Darf ich Ihnen heute in diesen Zeilen zum Ausdruck
bringen, was von Angesicht zu Angesicht auszusprechen, was in meinem Betragen zu
verdeutlichen ich, mehr meinem ganzen Wesen nach, als aus vorübergehenden Stimmungen heraus, nicht so recht im Stande war und
bin? Es ist richtig, (und es bewegt mich sehr, dass Sie es empfunden haben, wenn es mir auch ein bischen leid thut), dass ich |zuweilen ein wenig melancholisch bin, oder
doch bedrückt. Hauptanlaß wohl mein Ohrenleiden, an dem nicht nur die langsam
aber sicher zunehmende Schwerhörigkeit, sondern, mehr noch, die ununterbrochenen
subjectiven Geräusche, ein Klingen, ein Sausen, und ein stetes Vogelzwitschern (das sich bis zu einem mäßigen Papageiengekreisch
verstärken kann) recht quälend sind. Und, sonderbar genug, es gibt doch Stunden,
ja Tage, an denen mir diese Geräusche, – so continuirlich sie immer (seit bald dreißig Jahren!) kaum zu Bewußtsein
kommen. Im ganzen verläuft ja die Sache etwas
langsamer, als ich zu Beginn der Erkrankung gefürchtet habe – man gewöhnts auch
allmälig (zu mindesten manchmal) aber es ist doch
schlimm, dass mir insbesondere der Theaterbesuch
schon ziemlich vergällt ist und auch bei musikalischen Genüssen viel, sehr viel
entgeht. Und schlimm, |daß es eine eigentliche »Stille« für mich
längst nicht mehr gibt. Glücklicherweise werd ich im Schlafen nicht gestört, –
wenn auch diese Geräusche auf mancherlei, oft ganz phantastische Art sich in
meine Träume drängen.
Auch meine persönliche Existenz ist ja nicht ganz einfach, wie Sie wissen; aber
es würde zu weit führen, da in Einzelheiten einzugehen; – an Conflicten
seelischer Art mangelt es ja in diesen Grenzjahren (es ist vielleicht kühn, mit
63 noch von Grenzjahren zu reden, aber gerade Sie werden mich verstehen)
nie.
Dabei fühl ich doch, dass ich im Grunde nicht klagen dürfte (ich thu’s auch
selten), – besonders darum weil meine beiden Kinder sehr wohl gerathen
sind (auch steh ich jetzt mit meiner früheren Gattin, die in Baden-Baden lebt, in sehr freundschaftlichen, natürlich nicht immer
unge|trübten Beziehungen), und ferner
weil ich mich in meiner Schaffenslust eher noch wachsen als abnehmen fühle. Auch
an äußeren Erfolgen fehlt es nicht; und nach einer Periode, die sich ein wenig
bedenklich anließ, glaub ich auch materiell – ach nicht durch das Vorhandensein
eines Vermögens – wer besitzt denn jetzt etwas!, –
aber durch das Ansteigen meiner Einnahmen, – mit Ruhe in die Zukunft blicken zu
dürfen. Und blasirt bin ich ja nicht – mir macht eigentlich alles mehr Freude
als es mir in meiner Jugend gemacht hat, – jede Blume, jeder Spaziergang, jedes
schöne Buch und Herzlichkeit mancher Art, die mir entgegengebracht wird. »So
wollen wirs denn noch eine Weile weiter treiben« wie
ein sehr Großer gesagt haben könnte und
wahrscheinlich irgendwo gesagt hat – und Sie sollen wissen, liebster Freund,
dass ich, wenn auch gelegentlich ein wenig
verdüstert, |mich gar nicht übel befinde; –
und hoffentlich mach ich auch Ihnen einen vergnügtem Eindruck, wenn wir uns wiedersehen.
Wie gut begreife ich, dass Sie nicht nach »Leningrad« gehen wollen – auch ich, (selbst wenn ich dort nicht reden müßte,) hätte nicht die
geringste Lust dazu. Kennen Sie das (kleine) Buch von Bucharin über den Bolschewismus? Wenn die
deutsche Übersetzung nicht etwa zu dem
Zwecke gefälscht ist, um die Idee – (die Idee!!) des Bolschewismus zu
compromittieren, dann hat es Bucharin selbst in unübertrefflicher Weise gethan. –
Ihren Brief hab ich in Bozen erhalten, (Bolzano) von wo ich erst vor ein paar
Tagen nach Wien zurückgekehrt bin. Ich bleibe
nur den Juli über hier, und fahre im August
wahrscheinlich wieder in die Dolomiten.
Für den Herbst steht mir allerlei bevor: in |Berlin die Aufführung der Komödie der Verführung, – in Wien Reprisen von »Das weite
Land« und »der einsame Weg«,
vielleicht auch ein neues Stück (in Versen). Ein paar Novellen sind auch fertig. In Paris wird vielleicht »das weite Land« gespielt werden; und nach Amerika bin ich zur Premiere des »einsamen Wegs« im Guild Theater u. des »Ruf des
Lebens« am Astor Theater eingeladen (Ich werde aber kaum hinreisen.) –
– Ich lese immer noch, aufs stärkste angeregt, Ihren wunderbaren Julius Caesar. Und erwarte Ihr »Hellas«. –
Bleiben Sie mir weiter, und lange noch der Freund, der Sie mir immer waren; es
ist schön zu wissen, daß Sie auf der Welt sind! Ich grüße Sie von Herzen!
Ihr
Arthur Schnitzler
Arthur Schnitzler
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