Geehrter Herr Doktor!
Verzeihen Sie, dass ich mich telegraphisch an Sie wende – ich vermute Sie unter den
obwaltenden Umständen in Ischl und habe keine Seele dort, die mir sympathisch genug wäre, um sie anzurufen.
Ich bin seit etwas über 3 Wochen hier, bin mehreremale gelegen u. war bisher wenig |wol, dass ich mich zu einem Besuch in Ischl
nicht aufraffen konnte, ja, eine Ansage bei Freunden daselbst zweimal telegraphisch
absagen musste. Von unserer verehrten Marie Schey
wusste ich seit Monaten gar nichts, hatte sie vor
ihrer Abreise nicht mehr sehen können, schreibe ihr auch sonst nicht. Da ich aber
auch etwas von ihr wissen wollte, |schrieb ich an sie
vorgestern einen Brief voll von meinen, doch eigentlich nicht tiefgehenden Leiden u. erhalte als Antwort folgende »sneering words« von
Herrn Al. Spitzer: »Spät
erkundigen Sie sich um Tante Marie; sie liegt
in Agonie.« Stellen Sie sich mein Entsetzen vor, da ich von nichts wusste. Mein
erster Gedanke war: hinüberfahren. Da ich |jedoch
keinesfalls mich einer Beleidigung von Seite der Menschen aussetzen möchte, die sich
als allein berechtigt ansehen, die Umgebung der mir theuern Frau zu bilden u. denen ich seit Jahren
ausgewichen bin, so bleibt mir nichts übrig als dies Wort an Sie, das, fürchte ich,
schon zu spät kommt. Mit vielem Dank für jede Auskunft
grüße Sie aufs beste
Marie Herzfeld
Marie Herzfeld
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