|Frankfurter Zeitung Paris, 1. Juni.
Fondateur M. L. Sonnemann.
Journal politique, financier,
commercial et littéraire.
Paraissant trois fois par jour.
Bureau à Paris:
Mein lieber Freund,
Hermann Bahr ist also doch bei mir gewesen; aber ich wünschte, es wäre lieber nicht
geschehen. Er hat mir einen abscheulichen Eindruck gemacht, – ein Intriguant, ein
Jesuit – und wenn, wie dies wahrscheinlich, seine Gesinnung der meinigen gleicht, so sind wir, mit einem herzlichen Händedruck, als erklärte Feinde geschieden. Der Mann hat mir in der kurzen
Zeit seines Hier-Seins mehr Stänkereien angerichtet, als sonst irgend Einer, hat mich
aus meiner Sicherheit |gebracht und mich durch
allerlei Perfidie erregt und verstimmt. Es wäre zu weitläufig, das hier zu erzählen;
der Mensch, der hier mit
einem infamen Pack von Reportern niedrigster Sorte verkehrt, hat sich dort allerlei
Verleumdungen über mich geholt, die er mir, mit liebenswürdigem Wohlwollen, wieder
erzählt hat. Ich berühre das nur, um Dich davor zu warnen, irgendwelchen
freundschaftlichen Referaten aus dieser Quelle Glauben zu schenken. Der Grund,
weshalb ich mich heut an Dich wende, ist ein
anderer. Er liegt in Einigem, was mir der Herr über Euch gesagt hat. Zunächst selbstverständlich spielt
er sich als den eigentlichen Förderer und |Inspirator der Wiener Literatur-Strömung auf. Zu gleicher
Zeit hat er über jeden von Euch bei aller scheinbaren Anerkennung irgend ein
herabsetzendes Wort, so daß von der Wiener
Literatur eigentlich als vollgiltig nur Hermann Bahr übrig bleibt. Selbst die Leute seiner eigenen Revüe drückt er herunter. Kanner wird sich nach seiner Darstellung mit der
Administration befassen; und wenn man Kanner nur aus seinen Reden kennt, so muß man ihn für nichts als für einen Kassier
halten, während doch in Wahrheit Kanner der Einzige ist, der für die |Revue Zukunfts-Hoffnungen rechtfertigt. Nun aber zu Euch zurück. Ich möchte Dich
bitten, mir mit ein paar Worten etwas über das Verhältniß von Hermann Bahr zu Eurem Kreise zu sagen. Insbesondere möchte ich wissen, ob zwischen ihm und
Loris wirklich jene intime Freundschaft besteht, wie er vorgibt; ob er wirklich
berechtigt ist, sich als den »Erzieher« von Loris aufzuspielen, wie er das thut etc. Bitte, schreib’
mir bald; denn das Alles quält mich sehr seit gestern Abend. Ich will Dir nicht sagen, warum, sondern Deine Antwort
abwarten.
Herzlichst und in Treue
Dein Paul Goldmann.
Dein Paul Goldmann.
|Ja so, entschuldige, in meiner Erregung hätte ich
beinahe Deine Angelegenheiten vergessen. Der Verleger Albert Langen ist ein reicher junger Mensch, der sich zum Verleger gemacht hat, um mit
Literatur protzen zu können. Der Mensch ist idiotisch urtheilslos, verlogen und betrügerisch. Er ist von dem halb wahnsinnigen Gretor beeinflußt, von dem ich Dir im vorigen Sommer erzählt. Ich rathe Dir
dringend, Dich mit dem Burschen in
nichts |einzulassen.
Wenn Du nur eine Ahnung hättest, wie mich alle »äußeren Umstände Deiner Existenz«
interessieren. Vor Allem: hast Du materielle Sorgen?
Glückliche Reise und frohe Stimmung für die Reise! Such’ Dir in Muenchen in
einem der kleinen Seiten-Cabinete der Pinakothek den kleinen Altdorfer auf, welcher einen grünen, grünen Wald
darstellt, worin ein putziger kleiner Ritter einen Drachen bekämpft! Das ist eines
meiner Lieblingsbilder: Deutsch und märchenhaft.
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