Mein lieber Arthur!
Dein Brief als ersten Freundesgruß in fremder Stadt – das
hat mir aufrichtig wohlgethan. Sei von Herzen bedankt für Deine Treue! . . . Wenn ich Dir von unterwegs eine Karte schickte, so
geschah das nicht, um Dir zu schreiben, sondern um Dir einen Beweis zu geben, daß ich
mitten im Wirrwar der neuen Eindrücke und im Fieber der Arbeit
Deiner denke. Das war eine harte Zeit – diese sechs Tage. Morgens
in der Regel um fünf Uhr aufstehen, um die Bergleute noch vor der Einfahrt in den
Schacht zu sehen, stundenlang im glühenden Sonnenbrand über staubige Chausséen wandern, sich täglich von vertrackten Localbahnen das Herz aus dem Leibe schütteln lassen, und Abends, todtmüde, den Bericht schreiben (um ihn dann, einige Tage später, elend zusammengestrichen oder
gar nicht im Blatte zu
finden). Endlich bin ich heut nach Brüssel gekommen; aber sei es nun die Nervenreaction gegen die
Überanstrengung der letzten Tage, sei es das Erwachen des Bewußtseins aus dem Rausche
der Arbeit – ich fühle mich todtenbang und psychisch elend. Und als ich Deinen Brief
las, war es ein veritables tiefes, tiefes Heimweh nach Wien, das mir durch das Herz schnitt, |wie
nur ein Heimweh schneiden kann. Und es war nicht blos ein Heimweh nach Wien, sondern eine Sehnsucht nach der besseren Welt
dort, die ich auf immer verloren. Du kennst ja meinen Neid mit der umgekehrten
Spitze, der sich nicht gegen den Andern sondern gegen mich selbst kehrt. Und so war
es mir ein gar bitteres Gefühl, als ich von Deinen Erfolgen las, daß ich so ganz aus
der Reihe Jener gerissen bin, die nach dem hohen Ziele streben, das nicht mehr das meine sein darf. Wir sind eine Zeitlang Seite an Seite gewandert; jetzt bin
ich an einem Stein am Wege unterwegs stehen geblieben und sehe Dir wehmüthig nach,
wie Du emporsteigst. Das ist die Schlacke, die meine Empfindung der Freude an deinen
Erfolgen aufsetzt; wir sind eben Alle keine Menschen der reinen Empfindungen; vom
Herzen, dem dies Gefühl entströmt, tropft immer ein wenig Ich mit hinein. Ich sage Dir das
eigentlich nur, um auf der andern Seite das Recht zu haben, von der warmen
Aufrichtigkeit meiner Mitfreude zu sprechen. Nur so weiter! Stark und tapfer! Und ich
habe nur einen Wunsch für Dich: daß Dir die Kraft werde, all’ das Schöne
aus Dir herauszuarbeiten, was – meiner festen Überzeugung nach – in Dir steckt. Die
Kritiken schickst Du mir wohl alle; Du bekommst sie pünktlich zurück; ebenso werde
ich Dich, wenn ich mich erst ein wenig eingearbeitet und mir Zeit genommen habe, um
alle drei Acte des Stückes
|bitten. Desgleichen sollst Du mir bald Folgendes schreiben: 1.) wie Du Deinen Tag
verbringst, mit genauer trockener Aufzählung der regelmäßigen Beschäftigung von Früh
bis Abend 2.) ob Schwarzkopf dein Stück
bereits gelesen hat? 3.) ob Du noch mit Jung-Wien verkehrst? 4.) ob Du noch zu Fanjung’s kommst? 5.) wer jetzt Deinen hauptsächlichen
Verkehr bildet? 6.) was Olga macht? 7.) was Du liest? und 8.) was Du zu schreiben gedenkst? –
ja richtig und 9.) noch was Du für den Sommer vorhast? Du wirst zwar nach Beantwortung all’ dieser Fragen so erschöpft von der Anstrengung sein, daß Du wirst eine einwöchentliche
Kaltwasserkur gebrauchen müssen (Briefkastenwitz) – aber Du thust mir’s
wohl aus alter Freundschaft.
Meinen gegenwärtigen Lebensinhalt wirst du wohl aus dem, was am Eingang dieses
Briefes steht, zur Genüge erkennen. Brüssel sagt
mir vorläufig gar nichts – es sei denn, daß es eine unsäglich theure Stadt ist und daß ich keine Ahnung habe, wie
ich hier mit meinem kleinen Gehalt und meinen großen Schulden leben soll. Große
Sorgen machen mir ferner die äußerst verzwickten politischen Verhältnisse, in die
mich einzuarbeiten ich Monate Zeit haben müßte, während man |mein sofortiges Treten in Action verlangt sowie
meine Unkenntniß im Französischen. Meine Fähigkeit zu verstehen ist gleich Null; und
wenn es noch vier Grad weniger gibt als Null, so bezeichnet dieses meine Fähigkeit
mich verständlich zu machen. Von selbst wird das nicht kommen; Alle lügen, die sagen,
man lerne die Sprache durch einen Aufenthalt im fremden Lande von selbst; und Zeit
zum Studiren habe ich absolut nicht. Zwei Eigenthümlichkeiten von Belgien sind mir besonders ins Auge gefallen: es ist ein Land, in dem es keine
Zahnstocher gibt, und in dem man die Thürklinken durch einen Druck von unten nach
oben öffnet. Außerdem sind die Kellner hier von einer unerhörten Unhöflichkeit und
Schlamperei, und ich muß oft an Dich denken, der Du – nachdem Du mit Kellnern keinen
Spaß verstehst – längst einem dieser Kerle ein Messer in den Leib gestoßen haben
würdest, hoffentlich gewinnen die Dinge ein freundlicheres Aussehen für mich. Heut komme ich mir – wie nie vorher – vor wie in der
Verbannung, und alle meine Wünsche regen sich, um diesen Brief zu begleiten in das
trauliche, von Cigarettendampf
erfüllte Zimmer mit dem Divan, in dessen reichen und coquett geordneten Kissen es sich so weich ruht und von dem man einen Ausblick hat auf das »Pfühl« im Alkoven und die Landschaft mit dem unglaublichen Mond darüber. . . Gott grüße Dich,
mein lieber kleiner Arthur! Ich umarme Dich in alter Freundschaft und drücke Dir
beide Hände dazu.
Dein treuer Paul Goldmann.
Sobald ich eine Adresse habe, theile ich sie Dir mit. . .
Empfiehl’ mich den Deinen! Die Meinigen haben Dich |mehreremale grüßen lassen, aber ich habe immer
vergessen, Dir’s zu schreiben. . . À propos: wenn Du Herauskriegen könntest, warum mir der Schurke, der Beer-Hoffmann, nicht schreibt wäre ich Dir sehr dankbar.
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