|Paris, 18. December 1891.
Mein lieber Arthur!
Unser alter Streit! Aber ich fürchte, Deine Kunst läuft in einen Irrweg hinein, wenn
Du Dich immer wieder von diesen Ideen leiten läßt. Darum noch rasch drei Worte. Es
gibt keine Kunst, meine ich, die so den Massen angehört, als die dramatische. Es ist sogar das Wesen dieser Kunst
und ihre eigentliche Aufgabe: Alles in den Massen sichtbaren und fühlbaren
Proportionen auszudrücken. Der Dramatiker bearbeitet nicht seinen Stoff, sondern das
Publicum. Das Publicum ist das Rohmaterial des Bühnendichters. Und die Kunst, ein
Stück zu schreiben, ist eigentlich die Kunst, sich ein Publicum resp. sich das Publicum |zu dem seinen zu machen. Wer also bei seinen
dramatischen Arbeiten von der Masse abstrahiren will, gleicht dem Maler, der seine
Bilder in die Luft malt. Es gibt kein Theater für Fünf, es gibt nur ein Theater für Alle.
Stücke für fünf Leute schreiben ist keine Kunst mehr, sondern ein Sport. Anderseits
ist es weit gefehlt, daß alle Stücke »Hochzeiten von
Valeni« sein müßten. Man soll nicht theatralisch sein, sondern nur dramatisch. Intim, fein, sensitiv, meinetwegen, aber dramatisch. Und der letzte Act des »Märchens« ist
nicht dramatisch. Daß du aber ein Dramatiker bist, |das beweist der erste Act. Also keine künstlichen Synthesen einer neuen Kunst,
bitte! Die Erfindung der neuen Kunst ist nur ein Auskunftsmittel, um den
Schwierigkeiten der alten auszuweichen. Darum sollst Du schreiben – Du kannst es, ich
gebe Dir mein Ehrenwort – aber keine Stücke für Zimmer mit rother Ampel-Beleuchtung
und heruntergelassenen Jalousien. . . . .
Hermann Bahr? Wieso kommt der zu Euch? . . .
Ich? Verlange nichts zu hören! Trostlos! Der Käfig, der bisher in Brüssel stand, ist nun nach Paris übertragen; und die Gefangenschaft wird nur |umso bitterer dadurch, daß Paris vor den Gitterstäben zu sehen ist. Talentlos, muthlos,
gewissenlos! Langschläferisch und zeitvergeuderisch! Am 1. Januar soll ich meinen Dienst beginnen u. weiß nicht das davon! Sechs Monate höchstens wird’s dauern; dann schicken sie mich fort. Faul, faul bin ich. Ich hab’s jetzt heraus: wir nennen uns
andere, um einen Vorwand zu haben, charakterlos zu sein. . . .
Mit Empfehlungen kannst Du mir unendllich nützen. Ich bin fast ganz im Stich gelassen
worden u. brauche Beziehungen wie das Brot. Schaff’ mir, bitte, was Du mir schaffen
kannst. Auch wenn die andern Freunde mir ein wenig helfen wollten, wäre ich sehr
dankbar. Oder gar Dein Herr Porges! Grüße Dich Gott, mein lieber Alter!
Dein Paul Goldmann
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