|Haag, 20. Mai.
Mein lieber Freund,
Von Berlin bin ich nach dem Haag beordert worden zur Friedensconferenz. Seit zehn Tagen lebe
ich in einer unbeschreiblichen Hetzjagd, und endlich heut finde ich fünf Minuten Zeit, um Dir von Herzen für Deinen lieben
Brief zu danken, der mir nach Berlin
nachgeschickt wurde. Aber wichtiger wäre es mir, zu wissen, wie es Dir geht? Ich
hoffe, nächster Tage nach Frankfurt
zurückzukehren, und bitte Dich, mir sofort eine Zeile
dorthin zu senden, um mir zu sagen, |wie Du Dich
befindest?
In Berlin habe ich natürlich den »Grünen Kakadu« gesehen. Ich kann Dir nur offen sagen, mit
jenem Freimuth, der zwischen uns Gebot ist: Ich habe das Stück nicht sehr lieb. Es ist ein
glänzendes und ein geistreiches Stück, das seinen großen Erfolg wohl verdient; aber mir fehlt etwas darin, und ich habe die
Empfindung, daß Du weit, weit höher stehst, als dieses Stück. Und dann bleibe ich dabei: die französische Revolution ist
nicht in dem Stück, in der Stimmung, sondern sie wird nur als Effekt von draußen, als Aktschluß
verwendet. Sei mir nicht bös, |ich habe vielleicht
Unrecht, aber jedenfalls ist’s meine ehrliche, wohl erwogene Meinung. . . . . .
Vor meiner Abreise aus Frankfurt habe ich etwas
erlebt, das für jeden Menschen den Gipfel des Glücks bedeuten würde. Für mich ists
durch meine an Wahnsinn grenzende Nervosität, die in diesem Augenblick noch durch
Krankheit complicirt ist, zu einer der größten seelischen Katastrophen ausgeschlagen, die ich noch durchgemacht habe. Niemals
habe ich dem Selbstmord so nahe gestanden, – niemals auch hätte ich Deines Trostes
und Rathes mehr bedurft. Aber es steht geschrieben, daß wir von einander getrennt sein
müssen, wenn wir einander |am Meisten nöthig haben.
Schon daß ich an Dich schreibe, beruhigt mich ein wenig. Wie hätte es mich erst
beruhigt, mit Dir zu sprechen!
Grüß’ Dich Gott, liebster Freund! Schreib’ mir umgehend, was Du machst!
In Treue
Dein
Paul Goldmann.
Dein
Paul Goldmann.
In Berlin sah ich Kerr. Er hat mir diesmal sehr gefallen; von Dir spricht er mit echter Wärme. Es
ist ein gutes Zeichen für ihn, daß er Dich versteht.
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