|Wien, 6. Juli 93.
Lieber Arthur! Ebenso leer, ebenso verstimmt und
verärgert wie Sie, bin auch ich die ganze Zeit über, und es ist nur der Unterschied,
dass Sie in Ischl sind und Bicycle fahren können, während ich in Wien braten muss und im eckelhaften Bureau arbeiten, das ich gerne bald ganz
verlaßen möchte. Es war auch eine verfehlte Sache, dass ich mich hier einsperren und
mir einreden ließ, ich hätte Beruf zum Beamten einer Assecuranz, so
plötzlich. Und ich glaube noch immer, dass es gehen müsste, sich mit
schriftstellerischer |Arbeit 50 fl
per Monat zu verdienen. Dass ich es bisher nicht gethan, beweist wenig genug, denn
ich war faul und habe Nichts gearbeitet. Von morgen
ab, bin ich ganz allein, und sind Sie mir bisher schon sehr abgegangen, so werden
Sie
es dann noch mehr.
Es wäre jedenfalls nicht schlecht und würde mich freuen, wenn diese Aufführung zu
Stande käme; was Wild für Gründe hat, ist ja ziemlich egal, für
Sie wäre es von Nutzen. Verständigen Sie dann auch Paul Horn. Er ist in Aussee und Specht von Samstag an bei ihm.
Das Buch vom kleinen Rosner ist erschienen, und heisst »Decadence«. Es ist ganz so, wie die Novelle, die |wir voriges Jahr auf der Rohrerhütte von ihm gehört. Wenn
diese jungen Sachen prätentiös und aufdringlich im Druck vorliegen, dann sieht man
erst recht, wie dumm und zuwider diese ganze Psychopathia-Sexualis-pose
ist, und wie recht die Leute haben, wenn sie auf diese Pubertäts-Geilheiten
schimpfen.
Dass Sie nicht arbeiten, hat, wie ich meine, nicht viel zu bedeuten, ich glaube fest
an eine starke Arbeitsperiode von Ihnen für die nächste Zeit – von mir glaube
ich noch immer dasselbe.
Was für ein Leben, sag ich Ihnen! Von 9 bis 5 Uhr oder 6. im Bureau, dann hinaus in die staubige Luft,
im grellen Lärm des vergehenden Tages, und die wachen Sommernächte in der Stadt, eckelhaft; – müd vom Bureau, schlecht aufgelegt und
genzenlos nervös. In meinen literarischen Sachen von |allen Seiten behindert,
ich kann keinen Weg machen, – nichts. Wer weiss, bekomme ich Urlaub, – wenn das so
fortgeht, halte ich’s einfach nicht aus.
Von Loris habe ich heute einen lieben Brief erhalten. Er verlangt dringend, dass wir im
Winter Theater spielen. Sie wissen ja, im Sommer reden wir immer von den großen
Dingen, die wir machen wollen, und im Winter von den gemeinschaftlichten Soupers im
Freien. Die alte Sache. Nicht einmal nachtmahlen können wir wenn wir’s uns
vornehmen. Was macht denn Beer Hofmann? Arbeitet er etwas?
Leben Sie wol, ich danke Ihnen bestens für Ihren Brief. Auf baldiges Wiedersehen,
und
möchten wir bald gescheidter sein, viel gescheidter als Sie im »Märchen« und ich im »Begräbnis«.
Herzlichst Ihr
Salten
Salten
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