|Berlin, 20. Januar. Dessauerstrasse 19
Mein lieber Freund, daß Du Dir keiner Schuld bewußt bist, ist zweifellos, – ebenso, daß Du mir nie mit Absicht wehgethan hast. Dazu bist Du viel zu gut und mir viel zu gut. Trotzdem hast Du eine Schuld, und sie liegt darin (Dir unbewußt, mir seit
Jahren bewußt und recht schmerzlich bewußt), daß in unserer Freundschaft Du mir
längst nicht mehr das Gleiche wiedergibst, das ich Dir gebe, – daß Du es Dir, von
Dir erfüllt, seit Langem abgewöhnt hast, gründlich auch auf mich einzugehen. Ich lebe mit Dir viel mehr, als Du mit mir
lebst. Und ich habe seit Langem den Eindruck, daß ich (ich muß das Wort wieder
gebrauchen, obwohl es Dir mißfällt) nicht viel mehr bin, als eine Bequemlichkeit in Deinem Leben. Die
Beweise? So etwas kann man nur fühlen, aber nicht beweisen. Aber wenn Du Beweise
willst, so denke an unseren Briefwechsel, all’ die Jahre hindurch. Denke |daran, wie viel von Dir darin steht und wie wenig
von mir. Oh, es hat an Anfragen nach meinen Erlebnissen von Deiner Seite nicht
gefehlt. Aber Du hast Dich stets leicht dabei beruhigt, wenn ich mich, wie es zumeist
geschah, nicht habe entschließen können, sie zu beantworten. Nun weiß ich ja, daß in
keinem menschlichen Verhältniß, in der Liebe ebensowenig wie in der Freundschaft,
Gleiches für Gleiches gegeben wird. Und ich verlange auch nicht mehr, da es in Deiner
Natur liegt, so zu sein, da ich Dich sehr lieb habe und da es mir eben darum Freude
macht, an Deinem Leben theilzunehmen, wenn Du Dich auch an dem meinen so wenig
betheiligst. Aber da Du Dir in Deinem letzten Brief keinen Zwang auferlegt und der
Verstimmung, in die ein Brief von mir Dich versetzt, rückhaltslos Ausdruck gegeben
hast, so sehe ich nicht ein, warum ich nicht auch einmal Dir sagen soll, wie bitter
und schmerzlich ich in den letzten Jahren oft empfunden
habe, daß |ich bei Dir die Stärkung und Aufrichtung,
die ich von Deiner Freundschaft erwartet hatte, nicht habe finden können und daß ich
vom Beisammensein mit Dir nur noch
verstimmter und gedrückter heimgekehrt bin. Und das muß umso mehr gesagt werden, als
es in der letzten Zeit mehrfach dahin gekommen ist, daß Du, weil Du eben nicht
gründlich genug auf mich eingehst, mich nicht verstanden und mich darum verletzt hast. Du hast, wenn ich mich darüber
erregt habe, darin nichts gesehen, als eine kolossale Empfindlichkeit. Ich will Dir
nur sagen, daß die Gründe dieser kolossalen Empfindlichkeit tiefer liegen und daß
unsere Differenzen nicht blos daher gekommen sind, weil Du ein Feuilleton von mir ungünstig beurtheilt oder weil Du mir eine »Nachricht« gegeben hast.
Zweck hat es nicht viel, das Alles zu sagen. Ändern wird sich dadurch nichts. Unser
Verhältniß hat die Gestalt angenommen, |die es
nothwendiger Weise annehmen mußte in Folge der Verschiedenheit der Lebensstellungen
und der Charaktere. In solchen Verhältnissen entscheiden ja schließlich auch nicht
Raisonnements sondern Empfindungen. Und über meine Empfindungen Dir gegenüber brauche
ich wohl nicht erst zu sprechen, ebenso wie ich an Deinen aufrichtig freundschaftlichen Empfindungen mir gegenüber nicht den mindesten Zweifel habe.
Aber ich meine, die »Mißverständnisse« (wie Du es nennst), die in letzter Zeit
zwischen uns vorgekommen sind, sollten in Zukunft unterbleiben. Gewiß, wir sollen
nicht als Diplomaten, sondern als Freunde verkehren. Aber der Freund ist im Verkehr mit dem Freunde erst recht nicht der Verpflichtung
enthoben, sich zu vergegenwärtigen, was eigentlich in dessen Seele vorgeht.
Und nun gib’ mir Deine Hand und sei vielmals
und von Herzen gegrüßt!
Dein Paul Goldmnn
Dein Paul Goldmnn
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