|Redaction der »Deutschen
Dichtung«.
Herausgeber: Verlag:
Berlin, den 3. Mai 1888.
Geehrter Herr Doctor!
Ein an sich nicht gerade erfreulicher Umstand, ein Unwohlsein nämlich, welches mich
für einige Tage an’s Bett bannte und mir eine unfreiwillige Muße auferlegte, hat mir
andrerseits ermöglicht, Ihrem Wunsche, Ihnen meine Ansicht über Ihre beiden Novellen zu sagen, schon jetzt entsprechen zu können, mehr aber als eben eine subjektive Anschauung beanspruche ich gewiß nicht zu bieten. Beide Arbeiten waren mir
insbesondere ihrer Entstehung [handschriftlich:] nach psychologisch interessant, sie sind sichtlich die Erzeugnisse eines jungen Arztes, welcher den realen Thatsachen seines
Berufs dadurch eine Art idealisirenden Gegengewichts zu geben versucht. |Daraus erklärt sich das eigenthümliche
Gegenüberstehen der beiden Momente, welche sich in den Novellen gleich scharf
vertreten finden, der romantischen Erfindung und der realistischen Wahl des
Grundproblems, welches ja in beiden ein rein pathologisches ist. Es ist aber eben
auch nur ein Nebeneinanderstehen und keine harmonische Mischung, was wohl darin seine
Erklärung findet, daß beide Elemente in ihrer extremsten Ausprägung hier vertreten
erscheinen. Einerseits wird die Romantik in beiden Novellen zur
Hyperromantik [handschriftlich:] getrieben, andrerseits wird das pathologische
Problem sehr hart und streng betont. Dies ist meines bescheidenen Ermessens jene
Klippe, welche Sie künftig zu umschiffen haben werden, denn obwohl beide Novellen
meines Erachtens nicht so druckreif sind, als daß ich einem ernsthaft strebenden
Manne damit vor die Öffentlichkeit zu treten anrathen könnte, so wäre es doch
zunächst für Sie und |wenn Sie die Arbeit ernsthaft
anfassen, wohl nicht für Sie allein Schade, wenn Sie es dabei bewenden lassen
wollten.
[handschriftlich Ottilie Franzos:] Herrn Dr. A.
Schnitzler.
[handschriftlich Karl Emil Franzos:] Geehrter Herr Dr! Der vorstehende Brief ist leider
durch ein Übersehen meiner Gattin
bis heute unbestellt geblieben. Ich sende Ihnen denselben nun und unsere
besten Abschiedsgrüße dazu. Vergessen Sie uns nicht, wenn
Sie Ihr Weg wieder hierher führt und sagen Sie Ihrem Herrn Vater unsere besten Empfehlungen. Herzlich grüßend
Ihr Fr.
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