seit einiger Zeit in Paris habe ich heute Paul Morisse zum erstenmal gesprochen und eile
mich, Ihnen sein Stillschweigen zu erklären. Morisse hat Ihr Stück
längst übersetzt, sogar eigens in München einer
Aufführung beigewohnt und gibt sich alle Mühe. Wenn er Ihnen nicht schrieb, so war es
einzig die Scheu, nichts Negatives melden zu wollen. Es bedeutet ja für Sie nichts
Peinliches, wenn ich es nun übernehme Ihnen zu sagen, dass bei zwei Theatern seine Schritte vergeblich gewesen
sind, so sehr man das Werk
rühmte, auch Antoine konnte sich nicht
entscheiden. Augenblicklich liegt es beim Theater des Variétés, wo die Hoffnungen auf schwachen Füssen
stehn, besonders bei der jetzi|gen
politischen Lage, wo die Aufführung deutscher Werke geringer Sympathie begegnet.
Sicher wäre das Theater des Arts das jetzt modernste von Paris, das Shaw, Hebbel, die jungen Franzosen spielt. Es
ist natürlich ein a-coté-Theater und trägt gar
nichts oder beinahe so viel: Morisse wagte
Ihnen dies nicht anzubieten, etwas Deklassierendes ist dabei nicht zu finden und die Presse vollzählig vertreten. Hier
müssten Sie entscheiden.
Auch ist er bereit, das Werk
sofort als Buch erscheinen zu lassen, nur soll dies in Frankreich gewissermassen einen schweigenden Verzicht auf die Aufführung
bedeuten.
Ich hoffe, verehrter Herr Doktor, klar berichtet zu haben. Morisse hat sich alle Mühe gegeben, Sie wissen ja selbst,
wie schwer Paris zu erobern ist. Jedesfalls stehe
ich hier ganz zu Ihrer Verfügung, falls Sie irgend eine bestimmte Aus|kunft wünschen, ich bleibe noch drei Wochen
zumindest. Mein Leben ist hier vielfältig
durch die Stadt und doch
geschlossener durch das Fremdsein, das nur die Freundschaft einiger guter Menschen
zum doppelten Glück macht. Bewahren Sie mir gutes Gedenken, überbringen Sie Ihrer
Frau Gemahlin beste
Empfehlungen und seien Sie aufrichtigst gegrüsst von Ihrem treu ergebenen
Stefan Zweig
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