Nach langer Zeit erlaube ich mir heute wieder einmal Sie an mein
bescheidenes Vorhandensein zu erinnern und Ihr Urtheil über eine Arbeit zu erbitten. Es ist wiederum ein
Stück, ein dreiactiges
Schauspiel, das ich Ihrer Kritik unterbreite, indem ich die leise Hoffnung hege, dass
dieses – mein letztes Opus –
Ihnen nicht allzusehr missfallen dürfte.
|Ich kann es noch immer nicht verschmerzen, dass ich Ihnen – der Sie doch
seinerzeit einige Hoffnungen auf mein Talent setzten – fortwährend Enttäuschungen
bereitet habe und wenn ich auch ein Jahr lang von mir nichts habe hören lassen, so
dürfen Sie nicht glauben, dass mich Ihr abfälliges Urtheil
über das letzte Stück
abgeschreckt habe. Welches äußerliche Schicksal dieses Schauspiel auch erleben möge – Sie bleiben
doch die Verkörperung meines besseren, literarischen Ich – d. h. ich habe so eine
|dunkle Empfindung als ob ich Ihnen Rechenschaft schuldig wäre, über die
Verwaltung meines Talentes – . Diese meine Ansicht ist ja vielleicht etwas zeitraubend
für Sie – aber wenn etwas
Ersprießliches dabei herauskommen sollte, glaube ich doch, dass es Ihnen ein wenig
Spaß macht. –
Beifolgende feingeäderte Seelengeschichte zartester Structur dürfte Ihnen beweisen, dass ich mich
bemühe, nicht zu verflachen. Ob mein Bemühen auch |Erfolg hatte – das
bitte ich Sie, mir zu sagen. Besonders der dritte Act liegt mir am Herzen und ich
erwarte Ihr Urtheil über »das erste Capitel«
mit unbeschreiblicher Spannung.
Seien Sie mir nicht böse über diesen neuerlichen Überfall und üben Sie – wie immer
–
strenges Recht.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Elsa Plessner.
Elsa Plessner.
Bildrechte © Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar