Mein drittes liebes Kind,
ein Mäderl u. es heisst Greterl, ist schon
bald vier Wochen alt. Meine Frau hat sich fast gänzlich erholt, u. wir denken an die Reise
Wenn nur nichts dazwischen kommt. Mein ältestes Mäderl ist seit gestern krank. Der Arzt sagte uns
gestern Abends dass es vielleicht Masern werden. Heute
meint er, dass es nicht dazu kommen würde. Aber sie fiebert noch stark.
Jedenfalls war die Nacht für uns schlaflos. Meine arme Frau sass auf einem Sessel. Ich hatte mir
meinen Buben ins
Schreibzimmer gelegt, um wenns noch nicht zu |spät wäre die Ansteckung zu verhindern.
Der Kerl hat die ganze Nacht
krakehlt, erst als ich ihm Prügel fest versprach, wurde er ruhig und sagte: Nit
weinen, wieder lieb! – Er ist zwei Jahre alt.
Kinder sind immerwährend zugleich Freude u. Angst, u. aus beiden Gründen wird Einem
durch sie das Leben lieb.
Auch in der Politik darf nichts dazwischen kommen, dann reisen wir am
26 ds. mit dem O. E. nach Wien. Ich möchte bevor wir nach Baden gehen einigemal in die Wiener Theater gehen. Ich weiss nicht mehr, wie sich der Lieutenant in den
Backfisch verlieben kann u. umgekehrt. Gesteh’ ichs, ich sehne mich wieder nach der
heimischen Imbecillität.
Mit dem Flüchtling ists sonderbar. |Mein erster Erfolg in Berlin. Als ich einige Tage später davon hörte, nahm ich
das Buch vor, las es, war über
die saloppe Sprache entsetzt; nur das, was die vornehmen Kritiker rügten, hat mich ergötzt: das Niesen des Eifersüchtigen. Es ist ein
prächtiger Bühneneinfall, denn an der Stelle ist nicht mehr Zeit, auch nur mit einem
Wort zu verhindern, dass die Zuschauer den Streit für ernst halten, u. damit man die Angst der Margarethe, auf die es ankommt, beobachten
könne, muss die Contrahage spassig
sein.
Was sagen Sie, mit welcher désinvolture ich mich lobe? Deutlicher als alles sagt Ihnen
dies, dass ich von einem Abgeschiedenen spreche.
Beurtheilen Sie die Aufführung des Flüchtlings
nicht falsch. Sie braucht sie ebensowenig zu demüthigen, wie die Erfolge der
gewöhnlichen Dutzendscribenten. Verstehen Sie |das Leben! Hier die Geschichte des Flüchtlings. 1887 wollte ich eine
italienische Reise machen. Reisegeld gabs
verflucht wenig. Groller (Illustrirte Zeitung) war charmant genug, mir damals zu sagen, ich solle, wie für die blaue Donau etwas Dramatisches für ihn schreiben. Gerade sauste mir der
Ihnen bekannte Einfall dieses Einakters durch den Kopf. Hingesetzt u. hingeschleudert. Ich glaube in drei
Tagen. Ich wollte schon abreisen. Nicht mehr deutlich weiss ich ob ich das Honorar
vorgeschossen bekam. Ich vermuthe es, denn ich reiste ab u. schrieb mich dann bis
Neapel durch. (Freilich hat mein guter Vater auch was hergegeben.)
Dieser Schmarrn, den ich wie
alle meine Stücke dem Burgtheater einreichte,
wurde ich weiss nicht mehr warum – gewiss aus keinem literarischen Grunde –
angenommen u. lag dann zwei Jahre. Förster
wurde Director. Ich war bei der Allg. Ztg. Ich
hatte |in der Redaction einen unangenehmen Collegen, einen boshaften
Narren, der mich molestirte wo er konnte u. mit dem ich nicht einmal auf dem
Grussfuss stand. Dieser schrieb eine
hämische Notiz über Foersters Sohn. Förster glaubte, dass mein »Kamerad« mich Unaufgeführten rächen wollte u. setzte den Flüchtling erschrocken an. Sind das Komödien,
was?
Noch besser die Berliner Geschichte des Flüchtlings. Sie wissen dass ich mit meinem Stück
»Der Bernhardiner« – nicht mein
schlechtestes, was freilich nichts sagen will – am Berliner Theater einen der beschämendsten Durchfälle am »Berliner Theater« erlitt. Es war ein Lustspiel, das Barnay weil er eine Rolle für sich zurecht
schneidern wollte als Schauspiel spielte.|Es war eine zu verstohlene Satire auf
die Sentimentalität u. jene Halben, die sich vom qu’en dira-t-on leiten lassen. Alle Absichten wurden ins Gegentheil
verkehrt, u. zw. unter meinen Augen. Ich war schwach genug zu allem Ja zu sagen, aber
hauptsächlich war ich wirthschaftlich schwach. Ich brauchte die Aufführung.
Barnay wusste wohl, dass ich ihm geschrieben
u. gesagt hatte, dass mein Stück »Was wird man
sagen?« ein Lustspiel sei, u. dass ich es als solches gespielt wünsche. Er
sah auch, wie tapfer u. schweigsam ich den ganzen Misserfolg allein trug, ohne zu
maukezen. Ich hätte aus der Verhunzung meines Stückes immerhin ein Feuilleton herausfetzen können. Ich
hatte aber nach der Niederlage die richtige Haltung | so wie ich sie vorher nicht hatte. Es wäre
geschmacklos u. feig gewesen, die Schuld abzuwälzen.
Aber wenn mich ganz Berlin u. was dahinter steht
– also alle deutschen Theater – für einen unfähigen Idioten tief unter nehmen wir
an
Triesch halten mussten, der eine Barnay kannte das Unrecht, das ich ruhig
aushielt. Nun, er lehnte dennoch ein Stück ab, mit dem ich vielleicht
meine Revanche hätte nehmen können, obwol seine Regisseure es zur Aufführung
empfahlen: das unter dem schlechten Titel Prinzen aus
Genieland im Carltheater von den PossenDarstellern wie ich glaube nicht umgebrachte Künstlerlustspiel.
Barnay gibt jetzt sein Theater auf. Er ordnet offenbar sein Haus bevor er wieder auf Reisen geht. Vielleicht findet er,
dass man den Journalisten |nicht
unversöhnt herumgehen lassen darf – u. gibt als letzte Novität seiner Direction mein Stückchen, ohne mich zu fragen.
Verstehen Sie das Leben, Freund!
Ich habe Barnay für die Aufmerksamkeit nicht
gedankt. Er ist davon wahrscheinlich sehr überrascht. Wie überrascht wäre er aber,
wenn er wüsste, dass ich Alles verziehen obschon
nicht vergessen hatte. Und dass er
gerade durch den Fehler, den er begangen, vor dem Stahl meiner Feder immer sicher
war. Diese Leute wissen nicht, dass wir Anderen die Zeitung nie für unsere
Privatangelegenheiten verwenden.
Ja, ich könnte Ihnen viel erzählen, auch von der Lustspielconcurrenz und anderen
Gemeinheiten des Deutschen Volkstheaters in Wien. Es hat lange gedauert, bis die Miserablen des |Theaters mich gebrochen haben. Sie hätten
es nie zuwege gebracht, wenn ich mich nicht um sie gekümmert hätte, sondern
geschrieben wie ich wollte, wie mirs zu Muthe und im Sinne war. Und ich sage Ihnen
das, damit Sie aus meinem Falle lernen. Pfeifen Sie auf das Gesindel. Schreiben Sie
nur, wie es Ihnen gefällt. Bei Ihrem Talent ist
es, dann eine innere Nothwendigkeit, dass Sie auch eines nicht fernen Tages den
äusseren Erfolg sehen. Aber werden Sie viel glücklicher sein, wenn man Sie vor die grosse Courtine des Burg oder
Lessingtheaters treten lässt? Das ist ein Glück
welches täglich so u. so viele Mätzchenmacher haben.
Ich brauche Ihnen nicht zu sagen dass alles, was in diesem Briefe steht nur für Sie allein geschrieben ist.
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