|Alland, N-Oest 21./6. 901.

Sehr geehrter Herr Doktor!

Anbei erlaube ich mir, Ihnen die vorgestern im N. W. T. erschienene Besprechung von Fr. B. Garlan zuübersenden. Ich muss jedoch bemerken, dass ich ausser und vor dieser noch eine zweite viel ausführlichere geschrieben habe; mit der hatte ich aber arges Pech, zuerst nahm man sie nicht, weil sie zu freundlich war, dann sandte ich sie der »Nation« die das Buch aber leider schon vergeben hatte; so sandte ich die Besprechung an die »Norddeutsche Allgem.«, wo mir die Annahme ziemlich sicher schien; leider musste ich damit auf meinen Wunsch verzichten, den Abdruck an auffallender Stelle gebracht zu wissen, denn dieses Blatt pflegt Recensionen nicht im Feuilleton zubringen, sondern bloss in den Bücheranzeigen, das hat auch den Nachteil dass man nie erfährt, wann die Arbeit erschienen ist, denn das Blatt schickt nur dann spontan Belege, wenn es sich um grösssere honorirte Artikel handelt. Da ich nun vor 8 Tagen erfuhr, dass das N. W. T. demnächst eine Erzählung von Br. Ompteda bringen werde, dessen jüngstes Buch mir der Verleger kürzlich gesandt hatte, so benutzte ich die gute Gelegenheit, die Besprechung Herrn Pötzl zuschicken, der sie umgehend brachte. Ich habe bei diesem Anlass auch gleich einige andere Bücher, die ich von Autoren und Verlegern bekommen, mitgenommen, darunter auch Ihres, wie wohl ich dessen Ablehnung fürchtete, da mir dessen Besprechung durch Bahr wahrscheinlich schien. Diese Befürchtung wuchs, als ich am Tage nach der Einsendung den Artikel Freds fand; wider Erwarten machte H. Pötzl eine Ausnahme und liess aus besonderer Rücksicht zwei Besprechungen desselben Buches zu; nur kürzte er die meinige sehr begreiflicher Weise. Ich habe Ihnen die Genesis dieser Recension so weitläufig erzählt, auf die Gefahr hin, als langweiliger Schwätzer zu erscheinen; aber ich will nicht, das Sie etwa glauben, ich hätte Ihr Buch nur so obenhin abgethan, eine Befürchtung, die um so näher liegt, als Sie, der Sie mich ja nicht näher kennen, leicht glauben könnten, ich wäre in meinen Urteile durch Lt. Gustl beeinflusst. Was die ausführlichere Besprechung anbelangt, so werden Sie sie vermutlich durch den Observer früher zu Gesichte bekommen als ich; ich bitte daher freundlichst zu entschuldigen, wenn ich sie Ihnen vielleicht sehr lange nicht werde zusenden können. Lt. Gustl habe ich ebenfalls besprochen und zwar in einem eigenen Artikel, wobei ich bemüht war, den grossen künstlerischen Vorzügen der Erzählung streng gerecht zu werden: mit meiner persön|lichen Empfindung bei der Lectüre habe ich aber keineswegs hinter dem Berge gehalten. Ob der Artikel aber auch erscheinen wird, weiss ich nicht; für Wien hat er wenig Chancen, denn der überwiegende Teil der Presse steht natürlich principiell auf Ihrer Seite und würde meiner Auffassung sicher nicht Raum gewähren, der andere Teil aber würde ebenso principiell Ihr Gegner  meine Arbeit zweifellos zu freundlich finden und darum ablehnen.
Eingesendet ist die Arbeit übrigens.
Mit den verbindlichsten Empfehlungen
hochachtungsvoll
Theodor vSosnosky
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